Manche Städte stehen schon seit langem auf meiner Reiseliste. Tallinn war bisher seltsamerweise nicht dabei. Warum, dass kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Erst, als ich während meines Auslandssemesters in Finnland auf der Landkarte nach Städten für einen Wochenend-Trip suchte, bekam die estnische Hauptstadt meine Aufmerksamkeit. Und die hat sie definitiv verdient. Gerade groß genug, um zwei bis drei Tage in den gemütlichen Gassen, Cafés und besonderen Museen verbringen zu können, findet man an vielen Ecken ruhige Plätze für wunderschöne Fotomotive.

Tallinn Reisetipps Estland

Von Helsinki erreicht man Tallinn bequem in zwei Stunden per Fähre. Von Deutschland ist sicherlich das Flugzeug die schnellste Variante. Wer jedoch noch einen Abstecher nach Helsinki einbauen möchte und den Wasserweg bevorzugt, kann dorthin per Fähre von Rostock und Travemünde anreisen und am nächsten Tag nach Tallinn aufbrechen. Mehr Infos: Fährverbindungen Tallinn-Helsinki

Auch für das etwas knappere Reisebudget ist Tallinn eine gute Wahl. Günstige Restaurants und bezahlbare Hostels oder Hotels halten die Urlaubsausgaben überschaubar. Ich habe zwei Nächte im Fat Margrets Hostel übernachtet und kann die zentral gelegene Unterkunft sehr empfehlen. Zehn Minuten von Fährterminal und Altstadt entfernt, ist die moderne und jugendliche Unterkunft ein hervorragender Ausgangspunkt für eure Besichtigungstouren. Für euch habe ich meine sieben Tallinn Reisetipps für ein abwechslungsreiches Wochenende gesammelt:

Tallinn Reisetipps – 1. Herrlicher Ausblick von der Domburg

Rechts über der Altstadt thront die Domburg mit den besten Aussichtspunkten der Stadt. Nicht zu übersehen ist die Alexander-Newski-Kathedrale, die in ihrer russisch-orthodoxen Bauweise neben dem Tallinner Dom ziemlich imposant wirkt. An vielen Ecken riecht es herrlich nach gebrannten Mandeln in verschiedenen Sorten, die ihr auf eurem Spaziergang entlang der historischen Bauten knabbern könnt. Mein Tipp: Mandeln mit Schoko-Kardamom Glasur.

Zwei bekannte Aussichtspunkte gibt es hier, die leider nicht nur auf eurer Besichtigungsliste stehen. Auf der Nordseite bietet die Patkuli Aussichtsplattform eine herrliche Sicht, auf der Ostseite versammeln sich Touristen auf der Kohtuotsa Aussichtsplattform vor dem bekannten Zitat „The times we had“, um mit den bunten Stadtdächern im Hintergrund Fotos aufzunehmen – bei großem Ansturm kein einfaches Vorhaben. Trotz Touristenansturm sollte man sich den Ausblick trotzdem nicht entgehen lassen.

Alexander-Newski-Kathedrale Tallinn

Die Alexander-Newski-Kathedrale besticht mit russisch-orthodoxer Pracht und Prunk.

Tallinn Reisetipps – 2. Telliskivi Creative City

Einen Kontrast zum mittelalterlichen Flair der Altstadt bietet die Gegend hinter dem Bahnhof der Stadt. Auf dem alten Industriegelände Telliskivi haben sich Designer, Startups und Restaurants niedergelassen und hauchen dem verlassenen Areal neues Leben ein. Im gesamten Areal haben Graffiti-Künstler beeindruckende Kunstwerke an die Wände gesprüht, oftmals Personenporträts oder tierähnliche Motive. Und wo früher der Güterverkehr entlang rollte, sind heute alte Waggons zu Cafés und Ateliers untergebracht. Im Sommer gesellen sich Street-Food Wagen und Bands dazu.

In der benachbarten großen, modernen Markthalle Balti Jaama Turg reihen sich Lebensmittelhändler aneinander. Viele Feinkostgeschäfte verkaufen regionale Spezialitäten und in kleinen Hütten unter dem Vordach der Halle haben sich kleine Restaurants und Cafés eingerichtet, die den perfekten Snack für die Mittags- oder Nachmittagsrast am Urlaubstag bereit halten.

Tallinn Telliskivi Markthalle

Viele Einheimische erledigen im Balti Jaama Turg ihre Wocheneinkäufe und füllen ihre Taschen mit frischem Gemüse oder Milch-, Käse- und Fleischprodukten von den lokalen Händlern.

Tallinn Reisetipps – 3. Turmbesteigung in der Olaikirche

Wer wie ich im Fat Margrets Hostel übernachtet, kann den Kirchturm im Norden der Altstadt, der nachts grünlich-blau schimmert, schon von weitem sehen. Mit einer Höhe von 137 Metern und seinen vier charakteristischen Ecktürmchen habt ihr von hier oben einen einmaligen Ausblick über Altstadt, Hafen und Ostsee. Der Eintritt in die Kirche ist frei, für die Turmbesteigung zahlt ihr fünf Euro.

Olaikirche in Tallinnn

Der Kirchturm überragt die Häuser der Stadt und bietet Orientierungshilfe in den verschlungenen Gassen.

Tallinn Reisetipps – 4. Romantische Hinterhöfe und Gässchen

Wer von der etwas breiteren Gasse Vene in die Straße Katariina käik abbiegt, landet in der mittelalterlichen St. Katharinenpassage, dem Zuhause der St. Kaharinengilde. Ein bisschen wie in den Dörfern von Tolkiens Mittelerde sieht es hier aus. Die enge Gasse ist bekannt für kleine, individuelle Handwerkerstätten auf der Südseite der Gasse, in denen Töpferleute, Glasbläser oder Schreiner, die meist Mitglieder der Gilde sind, ihrem Handwerk nachgehen. Wer mag, kann hier das ein oder andere individuelle Mitbringsel wie bunt bemalte Töpfer-Artikel, Kerzen und mundgeblasene Gläser kaufen. Kein Ort in Tallinn versprüht so viel mittelalterliche Atmosphäre wie die St. Katharinenpassage.

Im Restaurant der Gilde (auf dem Bild) gibt es traditionelle, herzhafte Gerichte der Küche des Baltikums.

Nahe des Rathausplatzes (den ihr natürlich auch nicht verpassen solltet) in der Gasse Vene Tn 6, solltet ihr einen Blick in den ruhigen Meisterhof werfen. Schnell verstummt der Trubel in den Gassen der sonst eher vollen Altstadt. Hier stellen einheimische Künstler und Designer ihre Werke vor und in einem urigen Café gibt es Trinkschokolade, Gebäcke, Kuchen und Kaffeespezialitäten zum Entspannen und Genießen. Bei schönem Wetter kann man diese im Innenhof trinken und die besonderer Atmosphäre auf sich wirken lassen.

Meisterhof in Tallinn

Entspannung, Entschleunigung, Erholung: Bei Kunst, Café und Kuchen können sich Füße und Seele vom Sightseeing-Trubel erholen.

Tallinn Reisetipps – 5. Besuch des Patarei Gefängnis

Schlendert man durch die von der Burgmauer umgebene Altstadt, vergisst man schnell, dass das Meer direkt vor der Tür liegt: Von den großen Fährterminals aus links gesehen führt ein Fußweg entlang des Ufers, nach circa eineinhalb Kilometern findet ihr das ehemalige Militärgefängnis Patarei.

Wo heute viele Tallinner den Meerblick genießen, Café trinken, sich die Ostseeluft um die Nase wehen lassen und vor den gräulichen Mauern Fotos im Sonnenuntergang schießen, galt dieser Ort bis vor gar nicht so langer Zeit als das schrecklichste Gefängnis Estlands. Im Unabhängigkeitskrieg gegen Russland verschwanden hier tausende Kriegsgefangene, Nationalsozialisten nutzen es als Arbeits- und Konzentrationslager. Bis zu 5.000 Gefangen waren hier zeitgleich ohne Tageslicht untergebracht.

Erst 2002 wurde das Gefängnis geschlossen, drinnen sieht man noch immer die Überreste der Zellen. Trotz dunkler Vergangenheit lohnt sich ein Besuch. Die Wellen klatschen durch die vorbeifahrenden Fähren und Containerschiffe gegen die Felsen: eine tolle Abwechslung zum Charme der Altstadt.

Rechts das Gefängnis mit bedrückender Geschichte, links der weite Blick auf die Ostsee. Auch Banksy hat sich hier verewigt und so dem Gefängnis zu seinem charakteristischen Symbol an der Vorderseite verholfen.

Tallinn Reisetipps – 6. Foodguide für Soulfood

War das ein leckeres Wochenende! Wer wie ich als Veganer nach Tallinn reist, muss keine Angst haben, hungrig zu bleiben. Zwei Restaurants haben wir ausgetestet und ich kann beide nur wärmsten empfehlen:

Kohvik Inspiratsioon: Das Café und Restaurant Kohvik Inspiratsioon in der Nähe der Olaikirche verbindet veganes Essen mit Workshops zu Themen wie Yoga, Meditation und Umweltschutz. Auf den Fensterbänken stapelt sich Literatur zu diesen Themen und im Eingangsbereich liegt viel Informationsmaterial zu Tallinner Tier- und Umweltschutzprojekten bereit. Wärmende Currys, bunte Bowls und kreative Burger gibt es ab 8 Euro.

Restaurant des Van Krahl Theaters: Wer gehobenes veganes Essen in stilvoller Atmosphäre sucht, der sollte unbedingt zum veganen Restaurant des Van Krahl Theaters in der Rataskaevu 12 gehen. Als erstes veganes Restaurant Tallinn gibt es im Restaurant V hochwertige, etwas exquisitere Gerichte. Neben veganer Meeresfrüchtenplatte, Rote-Beete Ravioli und tollen Ofengerichten finden klassische Zutaten der veganen Küche den Weg auf den Teller. Vor allem an Wochenenden ist das Restaurant mittags als auch abends oft ausgebucht, wer sicher gehen will, sollte einen Tisch reservieren.

Tallinn Reisetipps – 7. Ein Besuch in der Tallinner Oper

Für mich rundet ein Besuch im Theater oder ein Konzertabend ein Städte-Wochenende ab. Da viele baltische Länder für ihr Staatsballett bekannt sind, durfte ein Ballett-Stück in der Tallinner Oper nicht fehlen. Innen schmücken stuckbesetze Balkone den Saal und edle Kronleuchter hängen unter aufwendigen Deckengemälden. Wen es nicht in die Oper zieht, könnte im Programm des Stadttheaters, des von Krahl Theaters oder im russischen Vene Theater nachgucken, ob ein passender Programmpunkt dabei ist.

Ballett Tallinn Reistipps

Tutus dürfen im klassischen Ballett nicht fehlen. Doch Tallinns Kulturszene hat auch für Theater- und Konzertfans etwas zu bieten.

Ich wäre gerne noch ein paar Tage länger in Tallinn geblieben, um den mittelalterliche, gemütliche Flair und die vielen Museen weiter zu erkunden. Auf der Rückfahrt nach Helsinki pustet mir der Wind die Ostseeluft noch einmal um die Ohren, der Kirchturm der Olaikirche sticht aus dem Stadtbild hervor. Ich wünsche euch viel Spaß in der estnischen Hauptstadt.

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Tallinn Sehenswuerdigkeiten

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Die Gastautorin der Tallinn Reisetipps:

Susan-Autorenfoto

Hallo! Ich bin Susan. Ich komme aus einer beschaulichen Kleinstadt in der Nähe von Köln und studiere Sozialwissenschaften. Seit einiger Zeit arbeite ich als freie Mitarbeiterin bei einer Lokalzeitung und sprinte von Veranstaltungen und Festen zu Konzerten und Theatervorführungen. Meine Liebe zum Schreiben verbinde ich gerne mit meinen Reisen, die zwischen Studium und Arbeit immer ein Plätzchen finden.

Reisen weckt mich auf, macht mich neugierig und beschert mir immer wieder tolle Begegnungen an beeindruckenden Orten. Was ich sonst noch so mache? Gute Romane schmökern und meine Bahnen im Schwimmbad ziehen. Und kochen – am liebsten vegan. Im Sommer wird es mich für fünf Monate nach Turku in Finnland verschlagen. Ich freue mich schon jetzt auf Polarnächte, Nordlichter, Saunen und freundliche Finnen.

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