„Boreout? Bitte was?“. So oder so ähnlich habe ich reagiert als ein Bekannter mir von seiner psychischen Belastungsstörung berichtet hat. Im ersten Moment dachte ich, er hat sich versprochen und meint „Burnout“, aber nein!

Ich bat ihn um eine Erklärung und die folgte prompt: Unter Boreout leidet, wer sich in seinem Job dauerhaft unterfordert und gelangweilt fühlt. Wer Arbeit vortäuscht, nur damit der Chef nicht merkt, dass man keine Beschäftigung hat. Wer extra langsam arbeitet, um die anfallende Arbeit über den gesamten Tag zu strecken und noch vieles mehr.

Boreout

Ich fühlte mich sogleich angesprochen. Ich kenne es nur zu gut, wie es ist wenn man mittags schon mit seiner Arbeit für den Tag durch ist und krampfhaft überlegt, wie man die restlichen 4 Stunden so tun kann als ob man beschäftigt ist. Oder wenn die E-Mail des Kollegen mit privaten Inhalten, das Highlight des Nachmittags ist und man fröhlich in einen kleinen E-Mail-Chat einsteigt. Auch ich habe schon des Öfteren am PC so getan als ob ich tippe, nur damit mein Chef nicht merkt, dass ich nur den Bildschirm anstarre. Irgendwann ist einem auch egal, ob man privat surfen darf oder nicht und ob das irgendwer im Unternehmen nachprüfen kann. Am Zeitpunkt der totalen Langeweile und der Aussicht noch mehrere Stunden an Ort und Stelle verbringen zu müssen, sind dann schnell mal alle Shoppingseiten abgegrast und alle Prominews verinnerlicht.

Boreout – Die Zeit wird dein schlimmster Gegner

Boreout führt soweit, dass sich Betroffene Verhaltensstrategien überlegen um möglichst lange beschäftigt zu wirken. Oft arbeiten Betroffene absichtlich langsam, nur um nicht später wieder so tun zu müssen als würde man arbeiten. Die Gedanken kreisen nur um eine Frage: Wie schaffe ich es, den Tag rum zu bringen ohne vor Langeweile zu sterben.

Problematisch wird es in Berufen bei welchen nach Stunden gegenüber etwaigen Kunden abgerechnet wird. Da kann man nicht mal so eben 3 Stunden drauf rechnen in denen man sich eigentlich nur gelangweilt hat. Das wir zu teuer für den Kunden. Aber Däumchen drehen kann man auch nicht, das fällt dem Chef auf. All dies führt im Kopf zu einem richtigen Problem, welches man nicht nur als Unzufriedenheit bezeichnen kann.
Boreout-Betroffene sind auch nicht faul. Sie würden ja gerne mehr arbeiten, aber die Möglichkeit wird ihnen genommen. Dies führt über Verzweiflung bis hin zu Gleichgültigkeit.

Boreout – Bin ich betroffen oder habe ich einfach einen entspannten Job?

Doch wo ist die Abgrenzung? Wann hat man noch einen „chilligen“ Job und wo ist man bereits boreout gefährdet? Ich frage mich, ob auch ich bereits „Boreout-Betroffene“ bin. Diese Anhaltspunkte sprechen für eine Gefahr des Boreouts:

  • Es werden regelmäßig private Dinge auf der Arbeit erledigt (Urlaub buchen, Geschenke online besorgen, shoppen bis die Kreditkarte glüht)
  • Man tut so als ob man arbeiten würde, tut aber tatsächlich gar nichts
  • Die Arbeit wird absichtlich langsamer erledigt als man sie eigentlich erledigen könnte
  • Der oder die Betroffene verschickt private Emails an Kollegen um die Zeit totzuschlagen

Ich müsste lügen, wenn nicht all diese Dinge auf meinen täglichen Arbeitswahnsinn zutreffen würden. Dennoch war ich bisher der Meinung, noch keine psychische Störung dadurch erlitten zu haben. Wenn folgende Symptome auftreten, sollte man sich Gedanken machen, ob man nicht bereits psychisch belastet ist:

  • Der oder die Betroffene ist erschöpft vom Nichtstun, fühlt sich antriebs- und lustlos
  • Der oder die Betroffene leidet unter Schlafstörungen
  • Der oder die Betroffene vermisst den Sinn in der jeweiligen Arbeit

Aber warum führt ein scheinbar entspannter Arbeitsalltag langfristig zu solchen Problemen? Aus psychologischer Sicht ist es wichtig auch mal Erfolgserlebnisse zu haben und wichtige Dinge selber zum Abschluss bringen zu dürfen. Wenn der Vorgesetzte jedoch lieber die Arbeiten selber erledigt und man nur Handlanger ist, erfährt man diese Erfolgserlebnisse nicht. Zudem führt dauerhafte Unterbeschäftigung zu vermehrten Grübeleien über den Sinn der Tätigkeit und was man mit der Zeit viel Sinnvolleres anfangen könnte.

Boreout – Wie kann ich mir selber helfen?

Die Frage ist, welche Möglichkeit hat der Betroffene aus diesem Teufelskreis zu entkommen.
Hier ein paar Lösungsvorschläge:

  • Nutze die überschüssige Zeit sinnvoll indem du ein Buch schreibst, Tagebuch schreibst, einen Ernährungskalender führst, Packlisten für den Urlaub erstellst etc. Dabei wirkt man immer beschäftigt und nutzt die Arbeitszeit effektiv für private Dinge oder sogar für eine weitere Einnahmequelle (Buch)
  • Überlege dir, wie du weitere Aufgabenbereiche übernehmen kannst. Wenn du etwas gefunden hast was du gerne machen möchtest und könntest, erarbeite dir eine gute Argumentation wie du deinen Vorgesetzten davon überzeugen kannst, dass du die/der Richtige bist um diese Aufgaben zu übernehmen. In der Regel ist der Vorgesetzte erstmal verdutzt wenn du mit einem solchen Anliegen an ihn heran trittst und die Aussichten die Zuständigkeit dafür zu bekommen sind hoch.
  • Letzter Ausweg: Halte Augen und Ohren offen, ob vielleicht woanders der perfekte Job frei ist und du dich vielleicht doch woanders hinbewerben möchtest.

Mir hat das Wissen über „Boreout“ geholfen, mich und meine Situation besser zu verstehen. Man achtet mehr auf sich und hinterfragt sich selbst, ob man mit der Situation noch glücklich ist, oder doch lieber etwas ändern möchte. Auch ich halte Augen und Ohren offen und habe den Markt im Blick. Dennoch bin ich zu dem Schluss gekommen, meinen Job gern zu haben und die Zeit die ich eventuell über habe, sinnvoll zu nutzen. Zum Beispiel habe ich damit begonnen ein Kinderbuch zu schreiben, nicht weil ich glaube es jemals zu veröffentlichen, sondern einfach weil es mir Spaß macht. Ihr möchtet noch mehr dazu lesen? Hier ist noch ein interessanter Artikel von Spiegel Online: Boreout – Die Mär des süßen Nichtstuns.

4 Kommentare

  1. Kenne ich nur zu gut… Ich hab auch gedacht ich spinne und man schämt sich dafür, auch noch bezahlt zu werden für sinnlose Arbeit. Innerlich hatte ich schon gekündigt! Was mit geholfen hat? Ich habe das offene Gespräch gesucht und meinem Chef gesagt, dass ich mich unterfordert fühle und mir langweilig ist. Ganz verzwickte Situation und alles andere als einfach darüber offen zu sprechen. Aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe. Heute – vier Jahre später – arbeite ich immer noch in der selben Firma und Abteilung. Ich habe jede Menge sinnvolle Aufgaben dazubekommen und die Arbeit macht sehr oft sogar richtig Spaß! Also ich kann die hier genannten Tips nicht unterstützen… Wirklich nicht! Denn durch „Packlisten für den Urlaub zu schreiben“ wird die vertrackte Situation nicht besser. Also… Alles oder nichts und etwas daran ändern! Es kann nur besser werden…! :-)

  2. Mir ging es auch so, während fast 3 Jahren. Ich war froh, neben dem Job noch mein Studium zu haben. So wurde ich wenigstens dort gefordert. Oftmals war ich trotzdem antriebslos. Jetzt beginne ich bald einen neuen Job, worauf ich mich sehr freue. Und ich merke, dass es mir Tag für Tag besser geht.

  3. Ich hatte das während meines Praktikums, das war die Hölle. Ich hab irgendwann alles auswändig gelernt, was um mich herum lag. Das war die ermüdenste Zeit meines Lebens.

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