Ich bin ein Bergkind – schon immer gewesen. Seit ich klein bin, fahre ich in die Berge, im Winter zum Skifahren, im Sommer an Badeseen. Ein Wanderkind war ich jedoch nie. Die Zahl der Wanderungen pro Urlaub wurde ausgehandelt, im Winter half immerhin die Aussicht auf das Schlittenfahren, mit dem man nach einem elendslangen Aufstieg belohnt wurde. Soviel zu meinen bisherigen Wandererfahrungen vor meiner Hüttenwanderung im Allgäu.

In den letzten Jahren kitzelte dann aber die Neugier. Erst nur ein kleines bisschen, ich wollte es erst nicht richtig zugeben, doch nach Jahren der Quälerei weichte meine starrköpfige Ablehnung der Begeisterung. Nach ein paar Kurzwochenenden mit Tagestouren und einem wunderschönen Herbsturlaub auf der Seiser Alm in Südtirol kam dann die Idee zur mehrtägigen Hüttenwanderung im Allgäu. Nur den Rucksack als Gepäck, kein Handyempfang, rustikaler Hüttenflair und grandiose Aussichten.

Huettenwanderung im Allgaeu

Hüttenwanderung Allgäu – die Route

Mit dieser Vision im Kopf wurde die Route ausgetüftelt. Schwer fiel die Entscheidung nicht, denn wer schon dreizehn Mal im gleichen Örtchen im bayrischen Allgäu Urlaub gemacht hat, muss mit neu entdeckter Wanderleidenschaft die von unten so beschaulich aussehenden Hütten erkunden. Unsere Strecke bietet alles, was eine erste Hüttenwanderung haben sollte: zwei tolle Berghütten, kristallklare Bergseen, Wasserfälle, Schneefelder, anstrengende Anstiege sowie moderate Panoramastrecken.

Die Route möchte ich jedem empfehlen, der gut zu Fuß ist und erste Erfahrungen bei Bergwanderungen gemacht hat. Wie lange ihr für die einzelnen Etappen braucht, hängt natürlich stark von eurem Lauftempo ab. Meine Zeitangaben sind dabei nur Richtwerte.

Ausgangspunkt für die Hüttenwanderung im Allgäu ist das Giebelhaus im Hintersteiner Tal bei Oberstdorf. Das Auto solltet ihr am Busbahnhof in Bad Hindelang abstellen. Von dort aus fahrt ihr mit dem Bus bis nach Hinterstein. Einen Fahrplan der meist halbstündlich fahrenden Busse findet ihr hier. Der Giebelhausbus bringt euch vom Wanderparkplatz in Hinterstein zum Ausgangspunkt der Wanderung. Schon hier werdet ihr mit Alpenpanorama belohnt. Vor euch der Giebel, daneben der Schneck und die endlose Tiefe des Hintersteiner Tals erstreckt sich vor euch.

Wanderung durchs Hintersteiner Tal

Saftige Wiesen und herrliche Bergluft sind die perfekte Voraussetzung für eine Wanderung.

Hüttenwanderung Allgäu: Etappe 1 – zum Prinz-Luitpold-Haus

Hier beginnt die erste Etappe der dreitägigen Wanderung. Erstes Ziel ist das Prinz-Luitpold-Haus auf 1.846 Metern. Knapp 1.000 Höhenmeter und circa 3 Stunden Aufstieg liegen nun vor euch. Drei Stunden steiler Aufstieg? Mag viel klingen, doch die abwechslungsreiche Strecke lässt die Höhenmeter nur so dahinfliegen.

Die erste halbe Stunde lauft ihr an der Fahrstraße, immer der Beschilderung folgend. Bald schon biegt links ein schmaler Pfad ab, der euch entlang des Baches bis zu einem Wasserfall führt. Schaut man grade noch auf den wurzeligen Weg vor sich, hört man es plötzlich kräftig rauschen. Bei diesem Anblick sind die ersten Anstrengungen schnell vergessen.

Wasserfall Wanderung zum Prinz Luitpold Haus

Das Wasser hat einen langen Weg hinter sich. Nach der Schneeschmelze macht es sich auf den Weg ins Tal.

Eine Frühstückspause könnt ihr auf der bewirtschafteten Unteren Bärgündele Alpe auf 1.323 Metern einlegen. Von hier habt ihr euer Ziel immer fest im Blick. Hoch oben auf dem Felsvorsprung wartet das Prinz-Luitpold-Haus. Bis dahin dauert es jedoch noch gute 1,5 Stunden.

Bald lasst ihr auch die Baumgrenzen hinter euch. Über einen festen Steig gehend kreuzt ihr Wasserfälle und Bäche, an denen man sich mit kaltem Quellwasser erfrischen kann. Die letzten Meter über den zum Ende hin steinigen Weg laufen sich mit Aussicht auf den Etappensieg wie von alleine.

Wanderung zum Prinz-Luitpold-Haus

Zuerst geht der Weg gemächlich bergaufwärts, die Baumgrenze ist noch nicht erreicht.

Wasserfall Wanderung im Allgaeu

Hinter einer Ecke, abseits des Weges, bietet sich ein weiteres Mal ein imposanter Ausblick.

Oben angekommen hat sich jede Anstrengung gelohnt. Eingebettet in das Bergmassiv des Hochvogels thront die DAV-Schutzhütte auf dem Bergplateau. Das massive Gebäude liegt am Fuße des Hochvogels, den manche mit geeigneter Kletterausrüstung besteigen. Uns reichte der Etappensieg für diesen Tag. Nachmittags könnt ihr um den See herum spazieren, der im frühen Sommer oft noch von Eisplatten der Schneeschmelze umgeben ist.

Hüttenwanderung Allgäu

Gleich hinter dem Plateau, auf dem die Berghütte steht, geht es steil bergab.

See am Luipold Haus

Wenn die Sonne scheint, leuchtet der See in schönen Blau- und Grüntönen.

Hüttenwanderung Allgäu – das Prinz-Luitpold-Haus

Die 260 Lagerplätzen und 20 Betten sind an den Sommerwochenenden meist ausgebucht – einsame Bergidylle werdet ihr eher schwer finden. Bei der geselligen Stimmung in der Gaststube mit reichhaltiger, bayrischer Küche kommt dann aber doch das erwartete Hüttenfeeling. Gespräche mit Leuten aus der ganzen Welt, stundenlanges Kartenspielen und ein angenehmes Kribbeln nach der Anstrengung in den Beinen. Schnell rücken Termine, Alltagsaufgaben und Verpflichtungen in den Hintergrund. Langsam geht auch die Sonne unter, spiegelt sich im Bergsee und taucht die Felsen in ein tiefes Dunkelrot.

Als der Alltag so weit weg rückt, ihr euch nur auf euch selbst konzentrieren könnt und die Weite der Alpen die eigene Bedeutsamkeit ganz klein werden lassen, kommt ihr plötzlich bei euch an. Zufriedenheit – wie oft sucht man danach, in den Bergen findet ihr sie plötzlich.

Sonnenuntergang im Allgaeu

Zuletzt geht die Sonne im fernen Tal unter.

Hüttenwanderung Allgäu – Etappe 2 zum Edmund-Probst-Haus

Nach einer mehr oder minder erholsamen Nacht im Bettenlager, Kopf an Kopf mit fremden und freundlichen Menschen, bricht der nächste Tag früh an. Ein kräftigendes Frühstück, Wanderschuhe schnüren und los geht die nächste Etappe zum Edmund-Probst-Haus auf dem Nebelhorn. Etwa fünf bis sechs Stunden dauert die Strecke, auf der man ein wenig Kondition und Durchhaltevermögen braucht. Um nicht unter Zeitdruck zu geraten, solltet ihr nicht später als neun Uhr loslaufen. Zuerst geht ihr eine gute Stunde bergabwärts, hinweg durch blühende Grashänge.

Landschaft Hüttenwanderung Allgäu

Unberührte Pflanzenvielfalt wohin man auch schaut.

Wanderung durchs Allgäu

Es ist kurz nach acht am Morgen, die Sonne kämpft sich hinter dem Hochvogel hervor.

Seit ihr einmal am Talende angekommen, geht von nun an erst einmal gute zwei Stunden Berg auf. Ein wenig kämpfen muss man an großen Geröllfeldern, die im frühen Sommer noch mit Schneefeldern bedeckt sind. Auch das letzte Stück bis zum Bergkamm, den ihr überwinden müsst, forderte mich heraus. Doch in solchen Situationen lernt ihr euren Körper besser kennen. Wozu er fähig ist, wo vielleicht auch Grenzen sind. Erklimmt man den Bergkamm, erstreckt sich vor einem die Weite der bayrischen Alpen. Und wieder ist da diese Zufriedenheit. Über das, was ihr durch reine Ausdauer und Kraft schafft.

Wanderung durchs Allgäu

Den schwierigsten Teil haben wir noch vor uns.

Bergkamm und Landschaft im Allgäu

Die Anstrengung hat sich gelohnt: Diesen Ausblick erhalten nur echte Bergwanderer.

Da das Edmund-Probst Haus am andere Ende der Bergkette liegt, wandert ihr von hier etwa zwei Stunden parallel zum Berg. Der Weg ist gut begehbar, abwechslungsreich und bietet einen kilometerweiten Ausblick Richtung Oytal. Auch ein Murmeltier durfte ich sehen, leider hat die Zeit für ein Foto nicht gereicht. Schnell wie ein Blitz verschwand es wieder in seinem Bau. Kurz vor eurem Ziel liegt der romantische Seealpsee. Umringt von Tannen und Wiesen spiegeln sich die benachbarten Berge im blauen Wasser.

Seealpsee Bergseen im Allgäu

Im Seealpsee sammelt sich das Wasser, welches im Winter auf den Gletschern gefriert.

Da das Nebelhorn auch mit einer Seilbahn von Oberstdorf zu erreichen ist, ist das Edmund-Probst-Haus ein wenig touristischer und komfortabler als das Prinz-Luitpold-Haus. Im gemütlichen Speiseraum könnt ihr euch mit traditionellen Speisen und vielen vegetarischen Gerichten aus regionalen Produkten stärken. Die Hüttenwirtin ist super freundlich, hilfsbereit und versorgt einen auch am Morgen mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffett.

Edmund Probst Haus

Das zweite Etappenziel befindet sich direkt neben der Nebelhornbahn auf 1932 Metern.

Hüttenwanderung Allgäu – Etappe 3 zur Schwarzberghütte & zum Giebelhaus

Hätte das Wetter mitgespielt, wären wir am nächsten Tag über den Engeratsgrundsee und die Schwarzenberghütte zurück zum Giebelhaus gelaufen. Die Strecke ist in etwa so lang wie am Vortag, sollte jedoch nur bei gutem Wetter gelaufen werden, da einige steile Geröllfelder passiert werden müssen. Habt ihr Glück mit dem Wetter, ist der Bergsee sicher noch ein Highlight eurer Wanderung.

Auf der Schwarzenbergütte könnt ihr dann auch einen Zwischenstopp einlegen. Bei jedem meiner Urlaube im Hintersteiner Tal war ein Besuch der bewirtschafteten und besonders familienfreundlichen Hütte ein Muss. Auf 1.380 Meter ist sie ein beliebtes Ziel für Tagestouren.

Um zurück zum Giebelhaus zu gelangen, empfehle ich euch den ausgeschilderten Sommerweg, der über saftige Wiesen zurück auf die Fahrstraße führt. Der Bus nach Hindelang hält wie auf dem Hinweg am Giebelhaus.

Schwarzenberghuette im Allgaeu

Foto 14 Schwarzenberghütte: Da die Hütte weiter im Tal liegt, hat sie Sommer wie Winter für Gäste geöffnet.

Hüttenwanderung Allgäu – Abstieg mit der Nebelhornbahn

Wir haben uns wetterbedingt für den Abstieg nach Oberstdorf entschieden. Eine Fahrstraße führt hinunter ins Dorf. Wer nicht mehr laufen möchte, kann auch die Nebelhornbahn ins Tal nehmen. Ein Bus fährt regelmäßig vom Busbahnhof in Oberstdorf bis nach Bad Hindelang, wo euer Auto steht.

Angekommen in Oberstdorf, sieht man die vielen Tagestouristen in den Geschäften, immer auf der Suche nach neuen Errungenschaften. Ich selbst trug meinen dicken Wanderrucksack mit Stolz, die Haare leicht zerzaust, doch das war völlig egal. Unbeeindruckt von den tausend Kaufoptionen, nahmen wir den Bus Richtung Parkplatz.

Die Zeit ist so schnell vergangen, ich bin um viele Erfahrungen reicher und dankbar für all die tollen Eindrücke und Begegnungen. Wie wenig man braucht, um glücklich und zufrieden zu sein, zeigt einem das Wandern. Auch wer ein wenig Ruhe, Entschleunigung und tiefe Atemzüge frischer Bergluft braucht, der sollte seinen Rucksack schultern und loslaufen.

Hüttenwanderung Allgäu – Tipps, die ihr auf eurer Wanderung berücksichtigen solltet:
  • Hütten vorbuchen: In den Sommermonaten sind die Hütten meist bis auf die letzten Betten ausgebucht. Ein Notbett im Winterlager steht jedoch immer zur Verfügung.
  • Nicht an den falschen Stellen im Rucksack sparen: Minimalismus ist zwar wichtig, denn viel Luxus braucht ihr nicht. Regenjacke, viele Schichten zum Wechseln und gute Wandersocken gehören jedoch zur Wanderausrüstung. Auch eine Kopfbedeckung für heiße Tage ist wichtig.
  • Wanderschuhe: Ohne gut sitzende und bequeme Wanderschuhe kommt ihr nicht weit. Hier solltet ihr nicht an Qualität sparen. Ein Blasenpflaster darf dennoch in keinem Rucksack fehlen.
  • Proviant mitnehmen: Auf den Hütten gibt es zwar Lunchpakete für den Tag, doch Müsliriegel oder Äpfel solltet ihr dabei haben. Magenknurren und Wandern ist keine gute Kombination.
  • Realistische Ziele setzen: Wer noch nie Wanderschuhe anhatte und auch sonst eher wenig Bewegung im Alltag hat, sollte klein anfangen. Nichts ist deprimierender, als Erschöpfung und Atemnot. Die Internetseite des Deutschen Alpenvereins informiert über die Schwierigkeiten und Bedingungen von Wandertouren.

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Wandern im Allgaeu

Die Gastautorin

Susan-Autorenfoto

Hallo! Ich bin Susan. Ich komme aus einer beschaulichen Kleinstadt in der Nähe von Köln und studiere Sozialwissenschaften. Seit einiger Zeit arbeite ich als freie Mitarbeiterin bei einer Lokalzeitung und sprinte von Veranstaltungen und Festen zu Konzerten und Theatervorführungen. Meine Liebe zum Schreiben verbinde ich gerne mit meinen Reisen, die zwischen Studium und Arbeit immer ein Plätzchen finden.

Reisen weckt mich auf, macht mich neugierig und beschert mir immer wieder tolle Begegnungen an beeindruckenden Orten. Was ich sonst noch so mache? Gute Romane schmökern und meine Bahnen im Schwimmbad ziehen. Und kochen – am liebsten vegan. Im Sommer wird es mich für fünf Monate nach Turku in Finnland verschlagen. Ich freue mich schon jetzt auf Polarnächte, Nordlichter, Saunen und freundliche Finnen.

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