Vier Monate ist er jetzt schon bei mir. Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es ohne ihn war. Als ich nachts keine Pfoten auf dem Parkett gehört habe, die durch die Wohnung schleichen, als da morgens niemand war, der auf mich gewartet hat, mir erwartungsvolle Blicke zuwarf, dass ich doch bitte endlich aufstehe und Fressen mache. Und nicht zu vergessen, die Zeit, in der ich nicht immer eine Kottüte parat haben musste. Vier Monate ist nun der kleine Boris bei mir. Ich möchte euch hier nichts vorlügen – es ist wunderbar. Alles.

Boris

Auch bei Regen rausgehen. Das einzige, was komisch und anders ist, dass ich mir plötzlich Sorgen mache. Sorgen um jemanden, der abhängig von mir ist. Natürlich habe ich mir auch schon vorher Sorgen gemacht, um Familienmitglieder beispielsweise oder meine Zukunft, aber es ist was ganz anderes sich um jemanden Sorgen zu machen, der nur mich hat, für den ich verantwortlich bin. Bei den Zukunftsängsten schaffe ich mich mittlerweile mit meinem Mantra „Ja, ja wird schon alles gut“, zu beruhigen. Aber wenn der kleine Boris ein Ekzem am Bauch hat und sich blutig beißt, dann sterbe ich fast. Dann will ich wissen, wie es ihm geht, ob es arg juckt, ob wir lieber noch mal zum Tierarzt sollen, oder ob die Salbe schon hilft. Fragen über Fragen und doch nie eine Antwort. Nur der klägliche Versuch von mir, alles richtig zu machen. Als er neulich diese ganz schlimmen Eiterbeutel am Bauch hatte und ihn die gemeinen Herbstgrasmilben fast aufgefressen haben, bin ich sogar einmal nachts aufgestanden und habe meine Hand auf seinen Bauch gelegt, nur um zu spüren, dass er atmet und es ihm gut geht. Vor ein paar Monaten hätte ich dieses Verhalten „krank“ genannt. Jetzt weiß ich, dass man es einfach Fürsorge nennt. Am liebsten wäre ich 24 Stunden am Tag für ihn da und würde ihn immer an meiner Seite haben wollen. Nicht nur wenn es ihm nicht so gut geht, sondern einfach immer. Jedes mal, wenn ich ihn verlassen muss, dann knackst mein Herz einmal ganz doll und dann muss ich stark sein. Ich komm ja bald wieder. Müsste ich ihn nicht aus beruflichen Gründen ab und zu alleine lassen, wäre ich die schlimmste Gluckenhundemutter der Welt. Doch ich muss ihn gehen lassen. Da lebe ich 29 Jahre mein Leben und erst mit einem Hund wird mir so wirklich klar, was eines der wichtigsten Dinge im Leben ist – loslassen.

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Foto von Bea

Als Boris in mein Leben kam, wusste ich, dass es ein paar Aufträge gibt, bei denen ich länger weg bin und ihn nicht mitnehmen kann. Ich musste also jemanden suchen, der in der Zeit auf ihn aufpasst. Ich habe das Glück in Berlin zu wohnen, in der Stadt in der es verschiedene Gassigeh-Dienstleister gibt. Ich habe mich mit einem getroffen. Natürlich lasse ich den Boris nicht einfach blind irgendwo mitgehen. Mein Gluckenherz muss sich das ganz genau anschauen und ich wäre am liebsten nach 10 Minuten wieder davon gerannt. Mein erstes Treffen mit der Dogwalkerin war ein Albtraum, für mich. An die 12 Hunde, darunter halbe Kälber, die alle frei auf einem Feld rumrennen. Ich wäre wirklich fast gestorben, vor Angst. Seit mich mal ein Hund, den ich sogar kannte, aus dem nichts in den Oberschenkel gebissen hat, bin ich leicht traumatisiert und weiß, es kann immer und überall was passieren. Theoretisch. Aber die Angst um mich, hält sich in Grenzen. Ich habe viel mehr Angst davor, dass Boris von einem der Kälber beim Spielen erdrückt wird, oder dass einer nicht so souverän auf seine Machoallüren reagiert und ihn ein Ohr abbeißt. Was da alles passieren kann… Nein, das halte ich nicht aus. Ich muss ihm jemanden suchen, der nur mit ihm allein Gassi geht, ohne eine Horde weiterer Hunde. Das ist viel zu gefährlich. Zwei Stunden habe ich einen Puls von 180. Zwei Stunden habe ich die Augen überall und beobachte alles. Nach zwei Stunden bin ich fix und fertig und schwöre, das nie wieder mitzumachen. Doch dann, dann kommt der kleine Boris auf mich zugerannt. Die Zunge hängt fast bis zum Boden, die Augen leuchten und es sieht so aus, als würde er sogar lächeln. In meiner ganzen Panik, habe ich gar nicht mitbekommen, was für einen Spaß er hatte. Wie sehr er ein Rudel und andere Hunde vermisst hat. Als wir neulich zwei Wochen in den Bergen waren ohne „sozialen Hundekontakt“, war er fast ein bisschen depressiv. Er braucht es – die Action, die Freiheit, die anderen Hund. Toben im Match und anschließend baden im Fluss, das macht ihn glücklich. Also wurde mir irgendwo, auf einem Feld bei Berlin klar, dass ich loslassen muss. Ich muss ihn wieder hier her bringen, denn er liebt es. Ich kann ihn nicht einsperren, nur weil ich Angst habe. Ich muss ihm vertrauen, irgendwie. Mittlerweile geht er seit sechs Wochen jede Woche einmal mit der Dogwalkerin weg. Schon am morgen, wenn wir die Straße auf und ab gehen, um auf das Auto mit seinen Kumpels zu warten, ist er ganz aufgeregt und tänzelt freudig umher. Dann, wenn er das Auto schon aus fünf Metern Entfernung riecht, geht der Schwanz wie ein Propeller und er hüpft zu seinen Freunden ins Auto. Und dann, wenn er wieder kommt, dann liegt er erschöpft und glücklich auf seinem Teppich und auch wenn er nicht sprechen kann, manchmal habe ich das Gefühl, dass er mir danke sagt. Danke, dass ich nicht so egoistisch bin und ihn Sachen verbiete nur weil ich Angst habe. Ja, so ist es im Leben. Liebe ist loslassen. Nicht nur Hunde, sondern auch Menschen. Man muss lernen loszulassen und Menschen ziehen zu lassen. Freunde, die ins Ausland wollen, gehen zu lassen und sie mit offenen Armen empfangen, wenn sie wieder kommen. Den Partner, der Träume hat, sie verwirklichen lassen auch wenn man selber dafür zurückstecken muss oder eben den Hund mit halben Kälbern über Felder rennen lassen, wenn es ihm Spaß macht. Ja, ein Hund ist mehr, als nur ein Haustier. Er ist ein Wegbegleiter und ein Lehrer, der mir täglich etwas beibringt. Es gibt noch so viel zu lernen…

11 Kommentare

  1. Als ich deinen Artikel gelesen habe, musste ich die ganze Zeit lächeln, weil es mir mit meiner Hündin ähnlich geht. Es macht richtig viel Spaß den Hunden auf der Hundewiese zuzusehen, wie sie miteinander spielen und toben. Da wünschte man sich manchmal ebenso viel Energie wie die Tiere!

  2. Du schreibstd as so süß… ich habe meine Anny beim ersten Welpenspielen auch nicht loslassen wollen, als dann die anderen bösen Welpen kamen udn alle auf Anny drauf sind und sie 1-2 quitschte, weil eine rnicht ganz so sanft sie anstupste… ich hab geheult!! Ja wirklich, ich hatte Angst um mein Baby… mittlerweile sehe ich das gelassen, lasse sie mit befreundeten Hunden rennen und habe auch hier gelegentlich mal Tränchen im Auge… weil ich sehe, das sie glücklich ist udnd as macht mich glücklich..
    Ich hätte auch nie gedacht, dass einm Hund soviel verändern kann, aber er tut es :) Schade dass du in Berlin wohnst, ich hätte Boris gern ein Obdach gegeben ;)

    1. Ich schaue was für ihn auch stressfrei ist… Flugreisen mache ich nicht mit ihm. Für längere Reisen passt mein Freund auf oder sein vorheriger Pfleger. Die Dogwalkerin nimmt auch Hunde zur Pflege, das ist natürlich super.

  3. Toll, wie Du lernst – toll, wie Du das machst, Christine! Unsere Tochter (seit vorgestern 17) ist grad mit ihrem „Rudel“ in einem dreiwöchigen Sprachaufenthalt in Cambridge UK. Und wir verfolgen aus der Ferne (WhattsApp und Skype sei dank), wie sie mit ihren Freundinnen und Kollegen „auf dem Feld“ herumrennt. Und es geniesst, unter ihresgleichen zu sein. Genau wie Boris ☺️

  4. Wie süß geschrieben.
    Am Anfang geht es wohl jedem so. Plötzlich hat man Verantwortung für ein Lebewesen, das voll und ganz auf uns angewiesen ist. Da kommen kleine Panikattacken durchaus mal vor.
    Mir ging es nicht anders. Beim zweiten ist es nicht mehr ganz so schlimm. ;-)

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