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Lilies Diary | 29. November 2017

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2 Kommentare

Südtiroler Apfelernte – ein Blick hinter die Kulisse

Christine

“Man muss reisen, um zu lernen.“ sagte schon Mark Twain und wie recht er hat. Ein Ort, den ich jedes Mal ein bisschen schlauer verlasse, ist Südtirol. Hier leben die Menschen mit der Natur verbunden – und von der kann man einiges lernen. Zweimal habe ich dieses Jahr die Region besucht. Einmal im Frühjahr, als ein weißer Schleier über den Täler lag – die Apfelblüte. Der Apfel ist ein Aushängeschild für Südtirol. Im Hotel Toggelerhof durfte ich mitten in den Apfelbäumen wohnen. In einem Meer an Blüten. Diese Blüten sind das Kapital für die Apfelbauern.

Christine Neder mit Apfelblüte

Sie behüten sie wie rohe Eier, denn im Frühjahr gibt es eine besondere Gefahr – den Frost. Ich habe selbst miterlebt, wie Herr Pichler vom Toggelerhof die ganze Nacht seine Blüten bewacht und mit Frostschutzberegnungen gearbeitet hat. Dabei werden die Bäume mit Wasser gesprenkelt. Am Morgen war alles in Eis gepackt. Das Eis entwickelt eine Gefrierwärme, welche die Blüte vor dem Frost schützt. Eigentlich absurd, aber es hilft und ist ein faszinierender Anblick.

Christine Neder im Apfelfeld

Das ganze Jahr über gibt es einige Gefahren für die Blüten: Unwetter, zu viel Regen, Trockenheit und allerhand Schädlinge, die dem Apfel nichts Gutes wollen.

Mal ganz ehrlich, wenn ihr im Supermarkt steht und euch die Äpfel in den Einkaufwagen legt, die mir großer Wahrscheinlichkeit aus Südtirol kommen denn in Südtirol werden 10% der gesamt europäischen Apfel produziert. Wisst ihr, was mit dem Apfel passiert, wenn er vom Baum kommt? Oder überhaupt wie er geerntet wird? Ich wusste es nicht, traurig aber wahr. Deswegen habe ich einen Tag mit Christian verbracht. Ich habe ihn letztes Jahr kennengelernt, als ich eine Woche in seinem wunderschönen Chalet Hafling Leckplått in den Bergen verbracht habe. Schon damals fand ich es faszinierend am Morgen Äpfel zu essen, die neben seinem Hof in Meran wachsen. Dort wohnt er mit seiner Frau Michaela, den Kindern und Großeltern. Zusammen mit seinem Vater kümmert er sich neben seinem Job als Unternehmensberater um 5 ha Obst- und Weinbau.

Apfelernte Südtirol

Südtiroler Apfelernte: „Apfelreben“ statt Apfelbäume

Kommen wir doch mal zum ersten verträumten Bild, welches so viele von uns im Kopf haben, wenn sie an die Apfelernte denken. Da stellt man sich eine Wiese vor, auf denen die Obstbäume stehen und Menschen auf Leitern, die reife Früchte ernten. Völlig falsch. Eine Apfelanlage kann man sich vorstellen wie einen Weinberg oder ein Hopfenfeld. Die Bäume sind ganz schmale Spindeln und ragen ähnlich wie Reben in den Himmel. Diese Form ist optimal, damit alle Äpfel später gleich viel Sonne abbekommen und nicht, wie am großen Baum, die in der Mitte weniger als die Früchte am Rand.

Mit Christian und den Erntehelfern war ich einen Tag auf der Anlage unterwegs. Als Erstes wurden die Granny Smith geerntet. Es gibt bestimmte Erntefenster für die unterschiedlichsten Apfelsorten. Von Mitte August, in dem die Sorte Gala gepflückt wird, bis in den November hinein stehen die Erntehelfer fast jeden Tag auf dem Feld.

Südtiroler Apfelernte: Jede Frucht wird per Hand geerntet

Früher mussten sie mit einem Korb,genannt Tschaggl, durch die Reihen laufen, der über den Schultern hing und natürlich immer schwerer und schwerer wurde. Bei Apfelanlage in Hanglagen wird immer noch so geerntet. Bei Familie Gruber gibt es zum Glück eine Erntemaschine, die durch die Reihen fährt. Die Apfelernte geht jedoch noch von der Hand. Jeder Apfel muss einzeln gepflückt werden, mit ganz besonderer Sorgfalt.

Apfelernte Fließband

Ich habe es selbst versucht und war die erste Stunde ganz schön verzweifelt. „Das kann doch nicht so schwer sein einen Apfel zu pflücken!“, dachte ich mir. Man darf jedoch nicht zu fest anpacken, sonst bekommt er Druckstellen. Außerdem muss der Stängel dran sein, sonst ist der Apfel nichts mehr Wert. Aber nur ein kleines Stück vom Stängel. Wenn ein Blatt mit dranhängt, dann habe ich die Stelle mit abgerissen, aus der nächstes Jahr die Blüte kommen sollte.

Apfelernte

Sobald ein Apfel runter fällt, darf er auch nicht mehr aufgehoben werden. Natürliche Pilze aus dem Boden könnten an seiner Schale haften und sich in der ganzen Kiste ausbreiten. Aber nicht nur das. Der Apfel darf auch keine einzige Delle haben und auch nicht zu groß oder zu klein sein. Warum? Weil es die Kunden im Supermarkt nicht wollen und nicht kaufen. Irre, oder? Ein Apfel, der makellos ist, aber im Durchmesser 5 mm zu klein, wird aussortiert und zu Apfelsaft verarbeitet.

Apfelernte Dellen

Links „schlechter“ Apfel und rechts guter Apfel.

Apfel Ernte

Südtiroler Apfelernte: Makellos – der Wahn um den perfekten Apfel

Man merkt es ja jeden Tag. Alles wird immer optimiert. Wir wollen nur das beste vom besten und die Produkte müssen perfekt sein. Dass es auch bei Lebensmittel so ist, war mir bis zu diesem Tag nicht so bewusst. „Wir könnten locker 50 % Bio-Äpfel anbauen, aber es gibt keine Nachfrage dafür.“, erklärt mir Christian. „Der Kunde verhält sich nicht so, wie er seine Wünsche äußert.“ Die Nachfrage steigt zwar, aber gesehen auf die Gesamtmenge macht der Bioanteil in Europa nur ca. 15 % aus. Südtirol ist mit 40% Marktanteil an Bioäpfeln bereits heute der größte Bio Produzent in Europa.

So viele Menschen schreien nach Bioprodukten, doch sie greifen am Ende dann doch zu den normalen Äpfeln. Viele Kunde sind mittlerweile auch skeptisch und wissen gar nicht genau, was bio eigentlich heißt. Bio bedeutet mit naturnahen Methoden zu arbeiten und Pflanzenschutzmittel und Dünger zu verwenden, die nicht aus chemisch-synthethischen Stoffen bestehen. In der integrierten Produktion verzichten die Südtiroler Obstbauern freiwillig auf 50% der erlaubten Pflanzenschutzmittel und dies bereits seit den 70er Jahren. Wenn 200 g erlaubt sind, verwendet Christian und alle Bauern, die in der Genossenschaft sind, trotzdem nur 100 g. Die Hälfte der erlaubten Menge. Zudem werden weitere ökologische Maßnahmen durchgeführt.

Südtiroler Apfelernte: Integrierter und biologischer Apfelanbau

Der integrierte Obstanbau ist ökologischer als gesetzlichen vorgeschrieben. Er gibt Regeln für einen naturnahen und nachhaltigen Anbau vor, die kontrolliert werden und strenger sind als die gesetzlichen Vorgaben. Integriert wirtschaftende Bauern nutzen Pflanzenschutzmittel mit Bedacht und setzen nur eine begrenzte Auswahl von ihnen ein. In Südtirol ist der integrierte Anbau Standard, seit er vor über 25 Jahren von der Arbeitsgruppe für den integrierten Obstanbau (AGRIOS) eingeführt wurde. Seitdem wird er ständig weiterentwickelt. Die integrierte Produktion umfasst mehr als den Pflanzenschutz. Sie ist ein ganzheitliches Betriebsmanagement, das auch Düngung und Bodenpflege, Gerätetechnologie und alle anderen Anbauaspekte umfasst.
Natürliche Gegenspieler werden in den integrierten Pflanzenschutz mit einbezogen und gezielt gefördert. Beispiele sind Raubmilben gegen Spinnmilben oder Marienkäfer gegen Blattläuse. Bei Wahlmöglichkeit werden immer nützlingsschonende Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Zudem hängen die Bauern Nistkästen für Insekten fressende Vögel in die Anlagen oder pflanzen Hecken an. Auch biotechnische Methoden werden in den Pflanzenschutz mit einbezogen.

Auch im Bio-Obstbau kommen Pflanzenschutzmittel zur Anwendung, da die Bauern ihre Pflanzen vor Krankheiten und Schadinsekten schützen und Ernteausfälle vermeiden müssen. Dies gilt eben für alle Formen der Landwirtschaft. Es handelt sich hier aber um Produkte, die für den Bio-Anbau zugelassen sind, z. B. Präparate auf Kupferbasis. Bio-Pflanzenschutzmittel durchlaufen ein aufwendiges Prüfverfahren. Je nach Risiko-Einstufung ist ihre Anwendung mit bestimmten Auflagen verbunden. Gewisse ökologische Methoden werden aber in beiden Anbauweisen angewendet.

Südtiroler Apfelernte: Was bedeutet eigentlich ökologische Maßnahme?

Doch was kann man sich denn unter ökologischen Maßnahmen vorstellen? Beispielsweise Duftstoffe. Es gibt einen gefährlichen Wurm für den Apfel. Damit sich der nicht verbreitet wird nicht die Chemiekeule geschwungen, sondern es werden dünne Fäden mit Duftstoffen am Baum aufgehängt, welche die Würmer bei der Paarung verwirren. Sie sind durch die Düfte so verwirrt, dass sie das Weibchen nicht mehr finden und sich so nicht weiter verbreiten können. Oder man fördert eine Insektenart, wie den Marienkäfer, und baut ihm Nistplätze. Wenn eine Sorte komplett gepflückt ist, kommen sie in die Genossenschaft. In der Genossenschaft sind 400 Bauern Mitglieder, geben ihre Äpfel ab und bekommen nach dem Sortieren ihr Geld dafür. Wie viel, das hängt natürlich von der Qualität der Äpfel ab.

Apfelernte Plantage

Ich durfte mir den ganzen Prozess in der Genossenschaft „Cafa Meran“, einem super modernen Betrieb, anschauen. Hier findet unter anderem die Kategorisierung, Verpackung und auch die Vermarktung statt. Wenn die Äpfel angeliefert werden, „schlafen“ sie erst einmal. Durch die Reduktion des Sauerstoffs in einer Kühlzelle, wird der Reifeprozess quasi gestoppt. Wenn sie an der Reihe sind, werden die Äpfel in ein Wasserbecken gegeben.

Apfel Genossenschaft Fliessband

Ein Wasserbecken deswegen, damit sie möglichst sanft behandelt werden und eben keine Dellen bekommen. An einer Waschanlage mit Bürste wird das Obst gesäubert und dann durch einen hochmodernen großen Fotoapparat gejagt. Von jedem Apfel werden an die 70 Fotos gemacht. Mit denen wird binnen einer Millisekunde festgestellt, welche Qualitätsstufe der Apfel hat.

Apfel Genossenschaft

Über ein Förderband wird der Apfel in eines der 50 Schwimmbecken befördert. Jedes der Becken steht für eine Qualitätsstufe. Irre. Der Bauer muss bei der Ernte schon darauf achten, dass er eben nur die perfekten Äpfel anliefert, sonst kann es sein, dass er einen Abzug bekommt, wenn zu viele „schlechte“ Früchte dabei sind. Was man allgemein als einen „schlechten“ Apfel deklariert, ist völlig absurd. Vielleicht ein kleiner grüner Farbfleck auf der roten Haut, eine winzige Delle, im Durchmesser einen Zentimeter zu klein. Die Äpfel können in der Genossenschaft nach der Südtiroler Apfelernte drei bis acht Monate gelagert werden. Dann werden sie verpackt und gehen nach Deutschland, Österreich, Schweiz oder auf Weltreise nach Indien, Skandinavien oder Chile …

Apfel Genossenschaft Verpackungen

Südtiroler Apfelernte: Und was passiert mit den „schlechten Äpfeln“?

Keine Angst, die schlechten Äpfel gehen zwar nicht auf die Reise, aber sie werden auch verwendet – beispielsweise zum köstlichen Südtiroler Apfelsaft. Die Schale und die Kerne, die beim Presse für Apfelsaft übrig bleiben, werden wiederum zu Apfelleder verarbeitet, das sich zu Notizbüchern fertigen lässt. Der Großteil des Apfeltresters wird in Biogasanlagen zu sauberer Energieerzeugung bzw. Düngerproduktion verwendet.

Wenn die Ernte Mitte November vorbei ist fängt alles wieder von vorne an. Christians Vater, der sich hauptsächlich um die Apfelanlage kümmert, steht das ganze Jahr lang täglich zwischen den Apfelbäumen, schneidet die Äste, bindet sie nach oben und wartet darauf, dass sie im Frühling wieder Blüten tragen. Im Sommer werden händisch die Anzahl der Früchte am Baum reduziert, dabei werden zu kleine, deformierte und geschädigte Früchte entfernt. Damit jeder Apfel genügend Platz hat um die optimale Farbe und Größe zu bekommen.

Südtiroler Apfelernte

Ich habe einiges bei der Südtiroler Apfelernte gelernt. Am meisten überrascht hat mich wirklich, dass sich jeder regionale Lebensmittel aus einem nachhaltigen Anbau wünscht, aber dann doch zum billigsten greift. Es wird bis zu 800 Euro für ein Smartphone ausgeben und beim Milchpreis, der sich um 2 Cent erhöht, würde man am liebsten auf die Barrikaden gehen. Ich sehe seit diesem Tag die Äpfel im Supermarkt mit anderen Augen und greife bewusst zum nicht perfekten Apfel oder zahle für einen perfekten Apfel einen fairen Preis.

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Dieser Artikel ist in Kooperation mit IDM Südtirol – Alto Adige entstanden.

 

Kommentare

  1. Ich finde dieses Streben nach dem Perfekten so unmöglich. Apfel ist Apfel und wenn ich einen esse, dann ist es doch total egal, wie groß oder klein dieser ist. Ich wünsche mir so sehr ein Umdenken in dieser Richtung, denn wenn wir Erwachsenen jetzt schon so pingelig sind, wie sind es dann mal irgendwann die Kinder von heute?

    Toller Bericht!

    • Christine

      Ja, da bin ich voll bei dir. Lieben Dank für dein Kommentar!

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