Image Image Image Image Image Image Image Image Image Image

Lilies Diary | 24. April 2017

Scroll to top

Top

20 Kommentare

Schreibe ein Buch, das dein Leben verändert

Christine

„Schreibe ein Buch, das dein Leben ändert.“, mit diesem Satz beginnt John Truby sein Seminar.

Ich habe mir schon zweimal den Wunsch erfüllt und ein Buch geschrieben, „90 Nächte, 90 Betten“ und „40 Festivals in 40 Wochen“ waren zwei Erfahrungsberichte, die ich geschrieben habe. Es war ganz einfach: Ich war die Protagonistin und habe einfach niedergeschrieben, was ich erlebt habe. Doch jetzt liegt etwas anderes auf meinem Schreibtisch. Ein dicker, fetter Brocken, den ich nicht runterschlucken kann. Ich möchte einen Roman schreiben. Seit zwei Jahren erzähle ich jedem davon. Ich denke immer, wenn ich Sachen verbalisiere, dann werden sie schneller wahr, doch nicht in diesem Fall. Ich schaff es einfach nicht. Schon dreimal bin ich auf die Insel Juist gefahren, um an meinem Roman zu schreiben, doch noch immer liegt kein druckreifes Exemplar vor mir. Eine grobe Skizze habe ich. Ein paar Protagonisten näher definiert, aber irgendwie komme ich nicht weiter. Ich sitze da, vor mir der Laptop und tausend Schmierzettel, und bekomme immer und immer wieder Selbstzweifel. Ist der Plot gut? Sollte lieber etwas anderes an der Stelle passieren? Brauche ich noch eine weitere Person? So viele Fragen und ich bin zu unfähig sie zu beantworten. Nachdem ich schon jedem erzählt habe, dass ich diesen Roman schreibe, kommt auch immer wieder die Frage: „Wie läuft es denn mit deinem neuen Buch?“ Obwohl mittlerweile kommt die Frage immer seltener, weil ich jedes Mal zurück fauche, dass das eine blöde Frage ist und ich ihnen schon Bescheid geben werde, wenn man es kaufen kann. Sie meinen es ja nur gut und eigentlich wäre es sehr sinnvoll mal mit jemanden über all die Sachen zu sprechen. Doch irgendwie geben sie mir das Gefühl zu langsam zu sein, nichts auf die Reihe zu bekommen und schon längst fertig sein zu müssen. Und wenn er fertig ist, dann muss es ein voller Erfolg werden. Ein Bestseller, denn schließlich verbringe ich schon zwei Jahre damit. Oder vielleicht sollte ich es einfach lassen und die ganz Sache unter den Tisch kehren.

Christine-Neder

Es war wieder einer dieser Tage, an denen ich mich eigentlich in meinem Zimmer einsperren und schreiben wollte. Doch Facebook und Co haben mich überwältigt und in ihren Bann gezogen. „Christine, wir sind im Oktober in Berlin. Magst du nicht mit uns die John Truby Masterclass besuchen?“, schreibt mir meine Freundin Svenja.

Ich googelte ein bisschen und muss zugeben, ich war beeindruckt. John Truby ist einer der begehrtesten Lehrer für Drehbuchautoren in Hollywood. An über tausend Drehbüchern hat er mitgewirkt und weiß genau was eine gute Story braucht. Das hörte sich alles ganz gut an, aber ich hätte mir wieder drei Tage frei nehmen müssen. Außerdem ist das Ganze auf Englisch und kostet über 500 Euro. Es kam also erst einmal nicht in Frage und ich bin ins Tagesgeschäft übergegangen, das mich so einnimmt, dass ich auch sonst zu nichts komme. Freunde treffen ist schon schwer. Sport treiben – ein Ding der Unmöglichkeit. Ich reise durch die ganze Welt und das ist eben der Preis. Es macht mir irre viel Spaß, doch manchmal hätte ich gerne mehr Zeit für Herzensangelegenheiten.

Als ich zwischen Ibiza und Australien einmal kurz zu Hause bei meiner Familie war, steckte mir mein Papa einen Umschlag zu. „Für dich“, sagte er. Ich öffnete den Umschlag und konnte meinen Augen nicht trauen. 500 Euro kamen zum Vorschein. „Wir haben unser altes Auto verkauft und wollten das Geld unter euch Kindern teilen. Erfüll dir einen Wunsch damit.“ Ich saß lange da und starrte auf den Umschlag mit dem Geld und dachte nach. Einen Traum soll ich mir damit erfüllen. Ich möchte keinen neuen Mantel und auch keine neue Tasche, weil ich weiß, dass sie mich sowieso nur ein paar Tage glücklich machen. Wegfahren möchte ich auch nicht, weil ich beruflich schon so viel unterwegs bin. Was mache ich also mit 500 Euro? Was ist also mein Wunsch? Wenn ich ganz ehrlich bin, es ist und bleibt: einen Roman zu schreiben. Ich setze mich an den Laptop und schreibe meiner Freundin Svenja zurück: „Ich mache mit.“ Wenn ich dieses Buch fertig schreiben will, dann brauche ich einen Plan und den holt man sich am besten vom Besten der Besten. Ich setzte mich vor dem Laptop und melde mich für die John Truby Masterclass „How to write a great story“ an.

Ich traf mich am Morgen vor dem Seminar mit Svenja und ihrem Mann Uwe und ich glaube, wir hatten alle den gleichen Endorphin-Rausch. Genau wie ich hat auch Svenja den Traum einen Roman zu schreiben. Wir sitzen nebeneinander, schreiben mit, erklären uns Sachen, die wir nicht verstanden haben und sind für drei Tage ein Team. Bei mir schwankt aber noch eine ganze Portion Ehrfurcht und ein bisschen Angst und Zweifel mit. Bin ich hier nicht völlig falsch unter all den anderen Teilnehmern, die schon Drehbücher wie „Oh Boy“ geschrieben haben?

Das Seminar war der Wahnsinn. Wir sind die Struktur einer Geschichte durchgegangen, haben gelernt, wie man eine Szene aufbaut, sind auf die unterschiedlichsten Genre eingegangen und wie man sie miteinander verbindet. Drei Tage lang war mein Puls auf 180 und meine Finger tippten jedes Wort, das John Truby sagte, mit. Nach drei Tagen saß ich am Ende des Kurses da und war völlig leer. Zwar stand alles Wort für Wort in meinem Word-Dokument, doch konnte ich das alles gar nicht greifen und eine Welle von Selbstzweifel und Angst schwappte über mich. Wie soll ich das jemals schaffen? Das Seminar war spitze, zweifelsohne. Ich denke ja immer, dass alles einen Sinn hat. Ich möchte jetzt auch nichts bereuen und sagen, dass war rausgeschmissenes Geld. Vielleicht war dieses Seminar einfach dafür gut, mir zu zeigen wo meine Grenzen sind. Und wenn ich weiß, was ich nicht schaffe, dann kann ich mich auch wieder neuen Sachen widmen. Aber das ist einfach alles eine Nummer zu groß für mich.

Die letzten Minuten brachen an. John Truby setzte zur Verabschiedung an. Er bedankte sich für unser Kommen und sagte, wie viel Spaß ihm das Seminar gemacht hat und wir sollen immer ein das Wichtigste denken: „Schreibe ein Buch, das dein Leben verändert.“ Das hat er am Anfang schon gesagt und ich dachte, ich hätte ihn verstanden. Schreib ein Buch, das so toll ist, dass es ein voller Erfolg wird und dein Leben verändert, weil du auf der Spiegel-Bestsellerliste bist. Dieser Satz hat so viel Druck ihn mir erzeugt, dass ich dachte, ich schaff es eh nie. Doch das meinte er gar nicht. Wir sollen ein Buch schreiben, das unser Leben verändert, indem wir uns ein Thema von der Seele schreiben, welches uns beschäftig und worüber nur wir schreiben können. Wir sollen eine Geschichte erzählen, in der wir aufgehen, die unsere Element ist, die zu erzählen uns so glücklich macht, dass es egal ist, ob andere sie lesen. Die Geschichte soll unser Leben ändern, dann ist sie ein voller Erfolg. Und wenn wir das Handwerk beherrschen, dann kann sie sogar ein Erfolg werden. Mir fielen die Schuppen von den Augen und 20 Zentner Ballast von meinen Schultern. Dieser Druck und der Gedanke, dass ich was ganz Großes für andere schaffen soll, hat mich die ganze Zeit behindert. Ja, ich will immer alles und wenn dann in der besten Form. Scheiß Perfektionismus. So groß zu denken hat mich jedoch ganz klein gemacht und mein Selbstbewusstsein völlig zerstört.

Ich schwinge mich nach dem Seminar auf das Rad und fahre nach Hause. Es dämmert schon und eine wunderbare Stimmung liegt über der Stadt. Tausend Menschen wimmeln am Alexanderplatz umher. Tausend Geschichten schlummern in ihnen. Ich möchte meine Geschichte erzählen. Auch wenn es keinen interessiert. Ich habe eine Thema, für das ich so brenne, dass es mir reichen würde wenn nur meine Familie und Freunde es lesen würden. Ich brauch keine Angst vor dem Scheitern zu haben, wenn ich meine Ziele nicht zu hoch setzte. Warum muss ich immer in Bestsellern denken? Warum denke ich nicht einfach mal für mich. Mein Traum. Meine Geschichte. Mein Roman, den ich weiter schreibe.

Es sind ein paar Wochen vergangen. Ich setze mich jetzt einmal die Woche an den Schreibtisch und schreibe. Was ich immer wieder vergesse: Ich bin selbstständig. Ich bin mein eigener Herr und ich kann mir Zeit nehmen für Dinge, die ich wirklich, wirklich will. Dann werden die Mails eben ein paar Tage später beantwortet. Auch kein Beinbruch. Erst gestern hat mich wieder jemand gefragt, wie es mit meinem Roman läuft. „Gut“, sagte ich. „Es wird ein Buch, dass mein Leben verändern wird.“

Kommentare

  1. Mein größter Traum ist es auch einmal meinen eigenen Roman in den Händen zu halten. Wahrscheinlich verschiebe ich das Weiterschreiben auch aus dem Grund immer wieder weil ich denke, dass es eh kein Bestseller wird. Danke für diesen Beitrag – man sollte sich da wohl wirklich selbst ein wenig den Druck nehmen!

  2. Efitj

    Super Blogeintrag, der mich persönlich auch zum (Über-)denken anregt :) Weiter so – ach und halte uns DRINGENDST über deine Fortschritte auf dem Laufenden :)

    • Christine

      Mache ich :)

  3. Liebe Christine, wunderbarer Artikel. Danke dafür. Ich hab gerade so ein Buch rausgegeben, das mir am Herzen lag, in dem ich alles niederschrieb was unbedingt raus musste. Und siehe da, es verkauft sich sogar ganz gut :-) Als nächstes wage ich mich an einen Krimi. Mal sehen…. :-) Alles Gute für Dich und Dein Buch!

    • Christine

      Wow, das hört sich ja toll an! herzlichen Glückwunsch!!!

  4. Wunderbar, liebe Christine!
    Und vielen Dank für den Blick hinter die Kulissen. Absolut interessant und spannend.

    Greetings & Love
    Ines

  5. Oh Christine, danke für diesen tollen Beitrag! Manchmal schickt uns das Schicksal eine Antwort vom Himmel und in dem Fall war es dein Bericht. Auch ich habe bisher gezweifelt, warum ich eigentlich meine Geschichte aufschreibe und ob das überhaupt jemand lesen will. Aber egal, ich schreibe sie für mich, denn sie wird mein Leben verändern, in welcher Weise auch immer. Ich drücke dir die Daumen und hoffe du kommst gut voran. Und denk an die kreativen Pausen :-) herzliche Grüße aus (gerade mal wieder) Thailand, Marina

  6. Wow, ich bin irgendwie mitgerissen von deinem Post und der Erkenntnis, die das Seminar dir gebracht hat. Vielen Dank, dass du dies mit uns teilst. Kenne diesen Perfektionismus nur zu gut, kann gut nachvollziehen, welche Gedanken da so in deinem Kopf rumschwirrten. Inzwischen weiß ich aber, wie wichtig es ist, einfach mal einen Schritt zurückzugehen, zu überlegen, was man und warum. Viel zu selten tun wir das, wofür wir richtig brennen, weil es immer ein Hindernis gibt weshalb wir erst gar nicht anfangen oder uns von zu vielen Gedanken ausbremsen lassen. Versuche aktuell auch zu sortieren, was ich wirklich gerne tue und wie ich meine Zeit dafür am besten nutzen kann.

    Drücke dir weiterhin die Daumen für deinen Roman.
    Viele Grüße, Silke

    • Christine

      Vielen Dank!!!

  7. Claudia

    Liebe Christine,

    das ist ein wundervoller Text! Ich drücke Dir die Daumen für Deinen Roman :-)
    Liebe Grüße
    Claudia

    • Christine

      Dankeschön

  8. Das mit dem Buch schreiben kann ich gut nachvoll ziehen. Ich lese gerne Bücher aus aus Fernen Ländern im 17 – 20. Jahrhundert, weil mich Geschichte sehr interessiert und man sie in so Romanen mit einer tollen Geschichte verpackt genießen kann, statt wie in richtigen Geschichtsbüchern nur Fakten und Jahreszahlen serviert bekommt. Auf jeden Fall kam ich auf die Idee selbst so eine Geschichte zu schreiben. Ort, Personen, einen roten Faden der sich durch Buch ziehen sollte, dass alles war schon fertig als Idee. Die ersten paar Seiten waren auch kein Problem. Ich konnte einfach nicht aufhören zu schreiben. Mein Freund musste mich regelrecht vom Mac wegziehen das ich mal was anderes mache. Und dann nach den ersten Kapiteln, als es endlich richtig los gehen sollte, also die Geschichte ihren Höhepunkt anstrebte – Ende. Totale Blockade! Ich hab meine Oma, die eine sehr kritische Leserin ist und meinen Freund drüber schauen lassen und Beide meinten nur das die Geschichte ganz gut ist bisher. Ich hab auch viel recherchiert, Aber trotz jedem Motivationsversuch ist das Projekt seit jetzt bald einem Jahr auf Eis. Ich hab zwar weniger Druck da ich nicht vorhabe es auf eine Bestsellerliste zu schaffen, da ich das Buch bisher nur für mich schreibe. Aber ich kann deine Situation trotzdem gut nachvollziehen.
    Ich hoffe du überwindest das und schaffst es einen tollen Roman zu schreiben. Ich drück die die Daumen!

    Ciliegia

    • Christine

      Vielen, lieben Dank

  9. Hi Christine, ich habe es vor 5 Jahren ähnlich gemacht: U.a. mit dem festen Willen, einen Tech-Thriller zu schreiben, habe ich ein Sabbatical genommen und genau wie Du dies allen Freunden erzählt, um mir auch selbst den Druck zu machen.

    Wie ich so bin, habe ich alles perfektioniert: Amerikanische Ratgeber von Autoren gelesen, einen Blog eines amerikanischen Schriftstellers über das Schreiben gehört und alle Tipps verinnerlicht: Hauptfiguren & Charaktere inkl. des fiktiven Lebenslaufes entwickelt, Story gegliedert, Szenen entworfen, Mindmaps erstellt. Es fehlte nur noch der Schritt, „loszuschreiben“.

    Habe ich nie gemacht. Aber das war für mich völlig ok so. Denn ich hegte auch mal in den 80ern den Wunsch, Fotograf zu werden – was ich auch nie gemacht habe. Anstatt zu schreiben, habe ich mich dann im Sabbatical intensiv mit Studiofotografie befasst, was Neuland für mich war – mache ich heute noch mit Freude.

    Das mit dem Roman hat gar nicht weh getan – die Arbeit war nicht umsonst und ich habe etwas gelernt: Wenn man schreiben will, geht das NICHT nebenher, sondern Du musst Dich zu 100% dazu bekennen und vieles andere zurückstellen. Und nein, ein Tag in der Woche ist zu wenig. Du musst jeden Tag schreiben. Ich habe für mich eingesehen, dass es für mich wichtiger ist, meine vielen verschiedenen Interessen weiter zu verfolgen und mich nicht einem ganz hinzugeben. Dann kann man vielleicht vieles gut und nichts richtig – aber es befriedigt mehr. Für mich war die Entscheidung ok und ich stehe dazu.
    Und denke seit einem Monat ernsthaft daran, vielleicht dann doch mal etwas völlig anderes zu schreiben, eine Realsatire über ein wahres Leben ;O)

    Auf jeden Fall: Nur für mich und ohne Druck!

    LG, Tom

    PS: Du hast mit dem 40 Festival-Projekt soviel Kraft bewiesen, dass ich mir sehr sicher bin, dass das mit Deinem Roman klappt.

    • Christine

      Lieber Tom, vielen Dank für deine Geschichte und den Glauben daran, dass ich es schaffe ;)

  10. Wow! Ich kann das total nachvollziehen, was du meinst. Ich möchte auch noch ein Buch schreiben und werde mir hoffentlich diesen Traum bald erfüllen!
    Wirklich toller bewegender Artikel!

    • Christine

      Dankeschön!

  11. Hallo Christine, was für ein toller Artikel. Wobei man wieder mal sieht, dass es im Leben immer weiter geht und sich immer eine Lösung findet. Was für eine Domino-Szene – Wunsch des Romans – Einladung zum Seminar – Geld von den Eltern – Teilnahme – Entspannung. Ich freue mich schon, Dein Buch zu lesen, wenn es fertig ist. Alles Liebe.

    • Christine

      Es wird aber noch ein bisschen dauern ;)

Kommentar abgeben

Pinterest