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Lilies Diary | 01. Dezember 2017

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5 Kommentare

ON and OFF

Christine

Berliner Hauptbahnhof. 2 Uhr nachts.

ON
Ich verlasse das Haus, gehe raus in das Leben, die Welt, die belebten Straßen. Ich schalte alle Sinne ein, bin empfänglich für Schwingungen und Stimmungen und sauge alles auf, wie ein Vorwerk-Staubsauger. Menschen, Geschichten, Gesichter, Gespräche. Alles bleibt an mir hängen. Ich bin stets wach. Mit den Augen. Mit dem Geist. Mit den Ohren. Ich lausche, schaue mit offenen Augen und hammstere alle Eindrücke und Erlebnisse. Schreib sie schnell und in einer Sauglaue aber genau und detailliert in mein Notizbuch. Ich habe sie gefangen. Jetzt gehören sie mir.

OFF
Die Tür fällt ins Schloss. Ich bin wieder zu Hause. Allein in meinen vier Wänden und entleert mich, kotze mich aus. Die Gedanken bekommen ein Gesicht in Form von aneinander gereihten Buchstaben. Die Erlebnisse eine lesbare Geschichte. Man geht alles noch einmal durch, Menschen, Geschichten, Gesichter, Gespräche. Alles wird noch einmal erlebt. Nur alleine. Alleine in der stillen, leeren Wohnung. Man belebt sie mit Gedanken, Ideen, Erfahrungen und kommt zur Ruhe. Wenige Menschen haben alleine so viel Unterhaltung wie Schriftsteller. Jedes Mal wenn ich Besorgungen mache oder vor allem Bahn fahre, nehme ich etwas auf, dass ich anschließend auf Papier bringe um es wieder los zu werden. Wiederverwertung der Gedanken. Recycling. Es ist vergleichbar mit einem Vögelein, das aus dem Käfig fliegt und plötzlich frei ist. Mit kräftigen Flügelschlägen segelt es durch die Luft. Es hat eine andere Dynamik angenommen. Es sitz nicht mehr im Käfig und döst vor sich hin sondern wurde belebt. Genauso wie Gedanken, die aus dem Kopf fliegen und ihre Freiheit auf dem Papier finden.

Kommentare

  1. Anonymous

    Beindruckend! Fast schon literarisch. Falls du noch Inspiration für dein Buch brauchst: Du hattest einen großen Vorläufer: Truman Capote. In dessen Buch "Die Hunde bellen" findest du unter "Begegnungen" den Text "Ein Licht im Fenster." Nichts anderes als ein Übernachtungspotrait und brillant geschrieben. Sind nur fünf Seiten und das Buch dürfte, da kürzlich erst als Taschenbuch erschienen, in jeder Buchhandlung vorhanden sein. Kann man also mal kurz durchlesen, ohne gleich zu kaufen. Im Übrigen: Weiter so!

  2. Lilies

    Lieber Anonym, herzlichen Dank für dieses Kompliment. Das schmeichelt mir doch sehr. Ich werde am Montag die Stelle lesen. Ich bin neugierig und merke gerade selbst, dass ich in eine andere Richtung gehen. Ich glaube, ich bin ein Stück gewachsen…

  3. Joe

    ob du's mir glaubts oder nicht, aber so habe ich den hauptbahnhof in berlin auch schon um 15 uhr gesehen…

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