Image Image Image Image Image Image Image Image Image Image

Lilies Diary | 29. November 2017

Scroll to top

Top

0 Kommentare

DO IT YOURSELF – Mit Kreativität in die Selbstständigkeit

Marlene Mohn

Do It Yourself – einfach selbermachen. Das dachten sich auch Jenny Karl (28) und Silvia Last (33) und zwar im doppelten Sinne: Vor etwa zwei Jahren machten sie sich mit muckout (zu Deutsch: ausmisten) selbstständig, einem Online-Shop für Bastel-Kits und Kreativbedarf. Was einst als fiktives Übungsprojekt für Jennys Studium der Druck- und Medientechnik begann, ist heute ein Fulltime-Job für die Frauen aus Kyritz in Brandenburg.

An einem sonnigen Donnerstagnachmittag besuche ich Jenny und Silvia für ein Interview in ihrer Kreativwerkstatt, einem umgebauten ehemaligen Alpakastall. Bis vor Kurzem wohnten drei dieser tierischen Exemplare noch in einem Stall nebenan und vertrieben sich ihre Zeit damit, neugierig zum Fenster hinein zu schauen. Heute watscheln einige Gänse und Hühner auf der Wiese herum und erinnern mich einmal mehr daran: „Jap, du bist auf dem Land.“

Ihrer Vergangenheit als Stall ist der muckout-Kreativwerkstatt nicht mehr anzumerken. Neben einem Büro-Bereich mit zwei Schreibtischen und den obligatorischen Aktenordnern, fallen in dem großen, hellen Raum vor allem die vielen selbstgemachten Dekostücke ins Auge, die an Wänden hängen oder in Regalen stehen – allesamt Prototypen und DIY-Ideen für den Shop. Dass eines der Regale aus einem Birkenstamm besteht, fasst meinen Eindruck sehr gut zusammen. Die Kreativität ist hier absolut greifbar und ich kurzzeitig nur noch bedingt ansprechbar, weil immer wieder ein anderes Dekostück meine Aufmerksamkeit für sich beansprucht, zu dem ich tausend Fragen habe.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand setzen wir uns an den großen Tisch in der Mitte des Raumes, an dem in den letzten Monaten schon zahlreiche Workshop-Teilnehmer an ihren eigenen, individuellen Kreationen gebastelt haben. Langsam fühle ich mich bereit, meinen Gastgeberinnen meine volle Aufmerksamkeit zu schenken und ordne noch einmal meine Fragen über Selbstständigkeit, Lebensentwürfe und Kreativität.

Silvia (links) und Jenny gründeten gemeinsam muckout.de
und haben sich damit einen Traum erfüllt.

Ich fange mal ganz vorne an. Wie entstand die Idee zu muckout.de?

Jenny: Während meines Studiums bekam ich die Aufgabe, das Design für die Webseite eines fiktiven Unternehmens zu gestalten. Da kam mir die Idee für einen Online-Shop, der Bastelideen, Anleitungen und alle dazu notwendigen Materialien anbietet. Für dieses Business habe ich Webseite, Logo und alles was dazu gehört designt. Dadurch, dass mit den Kommilitonen und Dozenten ganz genau abgeklopft wurde, ob das Ganze überhaupt Sinn macht oder nicht, wurde daraus eine immer ernsthaftere Idee. Silvia hatte sich hier in der Gegend schon mit ihrer Fotografie einen Namen gemacht. Ich bin sehr gut mit ihrem Bruder befreundet, weswegen ich sie irgendwann angesprochen hab, ob sie für meine fiktive Webseite Fotos machen könnte.

Ihr habt beide zuvor lange Zeit in Berlin gewohnt und gearbeitet, bevor ihr den Weg in die Selbstständigkeit gegangen seid. Ärgert ihr euch über den langen, beruflichen „Umweg“, den ihr gehen musstet?

Silvia: Nein, gar nicht. Viele Fähigkeiten, die wir jetzt in unserer Selbstständigkeit benötigen, haben wir aus unseren vorherigen Berufen mitgenommen. Ich habe zuvor unter anderem als Teamleiterin in der Bildbearbeitung eines Online-Shops gearbeitet. Ich weiß, was es bedeutet, Prozesse zu optimieren, kenne mich mit den Anforderungen für Produktfotografie und Bildbearbeitung aus. Auch Jenny hat neben dem Studium bei einem Online-Unternehmen gearbeitet. Die Skills, die wir uns damals angeeignet haben, kommen jetzt wie gerufen und wir möchten die Erfahrungen nicht missen.

Neben regelmäßigen Workshops, bietet ihr auf der Online-Plattform auch sogenannte mo-Boxen an. Was ist das genau?

Silvia: Die m(uck)o(ut)-Boxen sind Bastel-Kits, in denen alle Materialien und die Anleitung für ein DIY-Projekt enthalten sind. Bei mir sind früher Bastelvorhaben oft daran gescheitert, dass es schlicht und einfach zu lange gedauert hat, mir alle Materialien aus Bastelläden und Baumärkten zusammenzusuchen. Bei unseren mo-Boxen kann man sicher sein, dass alles drin ist und es auch funktioniert. Wer auf der Suche nach einem neuen Hobby ist, Makramee und Sticken sind bei uns zum Beispiel hoch im Kurs, hat mit den Boxen einen guten Ausgangspunkt. Ohne große Sorgen kann man sich also richtig im Basteln verlieren. So sinkt die Hemmschwelle einfach mal loszulegen.

Jenny: Uns ist es einfach wichtig zum Selbermachen anzuregen, ob in unseren Workshops oder zu Hause. Wenn man etwas selbst gebaut, gestaltet oder gebastelt hat, ändert sich die Sichtweise zu den eigenen Besitztümern. Man lernt die Dinge einfach mehr wertzuschätzen.

muckout_DIY_makramee 

muckout-diy-filz-monster-mobile-kit  muckout-diy-filz-monster-mobile-kit

Warum ist euch das Thema Ausmisten/Recycling/Upcycling so wichtig?

Silvia: Ich bin, was das angeht, schon immer sehr motiviert gewesen. Ich möchte einfach nichts wegwerfen und versuche aus jedem Rest noch irgendwas zu machen. Ich liebe es außerdem Dachböden und Sperrmüllhaufen zu durchforsten, immer auf der Suche nach Schätzen, aus denen mit ein paar Handgriffen noch was rauszuholen ist. Diese Teile haben für mich einfach mehr Charme.

Vor allem empfinde ich es als Chance, besonders Kindern ein anderes Bewusstsein für Dinge mitzugeben. In unseren Bastel-Workshops für Kinder benutzen wir oft „Müll“ als Bastelmaterialien, wie Klopapierrollen oder Marmeladengläser. Wir möchten Kindern eine andere Sichtweise mitgeben und zeigen, dass man aus vielen Dingen, die andere wegwerfen, noch etwas Schönes machen kann. Erst letzte Woche hatte ich eine Begegnung mit einem 9-jährigen Mädchen mit einem Turnbeutel auf dem Rücken, für den ich ihr ein Kompliment machte. Sie meinte dann zu mir: „Danke, der ist selbstgemacht.“ Mich hat total gefreut, dass sie das in dem Alter schon als wichtig und positiv empfand. Und das möchte ich gern weiter geben, nicht nur an Kinder, sondern auch an Erwachsene. Selbermachen ist etwas ganz Besonderes. Es macht stolz und man findet Lösungen für Probleme, auch wenn man ein bisschen um die Ecke denken muss. Diese Kreativität überträgt sich dann auch in den Alltag und das Berufsleben.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei euch aus? 

Jenny: Auf jeden Fall beginnt er mit einem Kaffee. Aber nicht immer gemeinsam. Silvia ist ein absoluter Frühaufsteher und beginnt gern schon mal um 7:15 Uhr mit der Arbeit. Ich hingegen arbeite gern auch mal noch bis 20 Uhr. Deswegen haben wir die Gleitzeit bis 10 Uhr eingeführt. Jeden Morgen checken wir unsere Emails und die Bestellungen. Danach arbeiten wir unsere To Do-Listen ab. Anfangs haben wir uns in vielen Details verloren. Heute planen wir Wochenziele auf einer Flipchart und schaffen uns damit immer wieder einen neuen Fokus. Jeder von uns hat Bereiche, bei denen der andere nicht unbedingt beteiligt sein muss. Dann gibt es Dinge, bei denen wir uns genau absprechen müssen. Dafür haben wir uns Blöcke eingeteilt, an denen wir uns geballt genau diesen Dingen widmen. So arbeiten wir viel strukturierter.

Silvia: Der Freitag ist unser kreativer Tag. Da basteln wir für die Blogbeiträge oder probieren neue Sachen aus. Was für andere der Casual Friday ist, ist für uns der entspannte Basteltag. Ich quatsche Jenny ja immer ohne Filter zu, ohne ein Gefühl dafür, ob sie gerade eigentlich Ruhe braucht …freitags darf ich das dann auch. :-) Montags hingegen ist unser Businesstag. Da kümmern wir uns um die Buchhaltung und Administratives.

Welche Hürden musstet ihr auf dem Weg zur Selbstständigkeit nehmen? 

Jenny: Für mich war vor allem die ganze Bürokratie sehr anstrengend. Es gibt so viele Stellen, bei denen man sich anmelden muss. Finanzpläne, Kostenaufstellungen – das sind alles Dinge, bei denen ich mich schwer tue, aus Angst etwas ganz Wichtigstes zu vergessen oder zu übersehen. Dabei hat es uns sehr geholfen, dass wir an einem Existenzgründer-Seminar teilgenommen haben.

Es ist immer sehr wichtig zu reflektieren auf welchem Weg man ist und wie man mit dem eigenen Unternehmen richtig wirtschaftet. Oft mussten wir dann feststellen, dass wir einige Pläne und Ideen noch auf Eis legen müssen, da sie sich finanziell noch nicht lohnen. Wir mussten dann einsehen, dass es zwar Spaß macht, auf dem Weihnachtsmarkt zu stehen und live das Feedback der Kunden mitzubekommen, es aber leider wegen der Standgebühren, Anfahrt und eigener Arbeitsleistung nur plus minus null dabei rauskommt. Die eigene Arbeitszeit als wirklich wertvollen Faktor einzukalkulieren, mussten wir erst lernen.

muckout_Dekoschild DIY 

Die handgemachte Deko, die es auch im Shop zu kaufen gibt, besteht zu großen Teilen aus ausrangiertem Palettenholz. Die Teile sind deshalb immer absolute Unikate.

Welchen Tipp gebt ihr anderen, die gerade ihren Weg in die Selbstständigkeit wagen?

Silvia: Das Produkt sollte an erster Stelle stehen. Natürlich hat man ein Ziel vor Augen, wie man sich sein Unternehmen vorstellt. Die schönste Verpackung, 24-Stunden-Kundensupport, der perfekte Instagram-Feed – all das waren Dinge, über die wir uns bereits Gedanken gemacht haben, bevor das erste Produkt überhaupt online war. Dann galt es erst einmal zu lernen, dass man nur Schritt für Schritt vorankommt. Auf dem Weg zum eigenen Unternehmen ist die To-Do Liste unendlich. Am liebsten würde man die Punkte alle gleichzeitig abarbeiten, aber man muss lernen, sich auf das zu konzentrieren, was Geld einbringt. Und das sind die Produkte. Auch wenn sie noch nicht in der perfekten Verpackung zum Kunden kommen.

Wie kam es dazu, dass ihr euch kein Büro in Berlin gesucht, sondern eure Kreativwerkstatt nach Kyritz verlegt habt?

Jenny: Der ausschlaggebende Punkt waren ganz klar die Kosten. Wir benötigen nicht nur ein kleines Büro für zwei Schreibtische, sondern auch eine Werkstatt und Lagerräume mit dem Potential zur Vergrößerung. Außerdem dachten wir: Hey, es ist ein Online-Shop, den können wir auch hier auf dem Land machen, dafür müssen wir nicht in Berlin sein. Da wir hier groß geworden sind und auch unsere Eltern noch immer hier wohnen, haben wir viele Bekannte vor Ort. Auch viele, die im handwerklichen Bereich tätig sind und uns tatkräftig unterstützen.

Silvia: Für mich war es eine Möglichkeit, mir hier eine Perspektive aufzubauen, da mir klar war, dass ich nicht für immer in Berlin leben möchte. Man darf das Dorf nicht unterschätzen. Wenn man hier einen gewissen Gestaltungswillen hat, dann kann man echt was erreichen und einen Unterschied machen. In Berlin gehen so kleine, kreative Ideen schnell unter, du bist nur einer von vielen. Wenn du hier Veranstaltungen auf die Beine stellst, ist das echt ein schönes Gefühl. Es ist halt alles viel kleiner, aber dafür nicht schlechter.

Silvias Hund Milka fühlt sich auf dem ruhigen Land auch sichtlich wohl und ist, wie man ebenfalls sieht, voll ins Business involviert.

Habt ihr euch schon an das Landleben gewöhnt oder vermisst ihr die Großstadt?

Silvia: Mir fehlt das Großstadtleben tatsächlich überhaupt nicht. Das einzige was mir fehlt ist gutes Sushi. Dafür fahre ich dann aber gern mal wieder nach Berlin und treffe mich mit Freunden im Lieblings-Sushirestaurant. Mit allem anderen kann ich mich arrangieren. Dann gibt es eben keinen Späti an jeder Ecke, dafür bin ich aber in wenigen Minuten am See oder im Wald. Ich liebe es hier. Ich war noch nie so ausgeglichen.

Jenny: Ich bin auch total glücklich darüber, dass ich hier leben und arbeiten kann. Das war mir am Anfang gar nicht so klar. Jetzt fühle mich hier sehr wohl. Wir hoffen, dass wir in Zukunft selber Arbeitgeber sein können und Praktikanten, Azubis und Angestellten einen Arbeitsplatz bieten und der Landflucht entgegen wirken können. Ich bin auch gar nicht der Mensch, der jeden Tag mit hundert Leuten netzwerken muss. Da bin ich ganz froh, dass wir hier so unser kleines Süppchen kochen. Ich brauch kein großes Business. Wir werden auch nie Millionen verdienen, aber wenn wir mit dem, was wir lieben unsere Familie ernähren können, bin ich mehr als zufrieden.

Ein schönes Schlusswort! Hätte ich da nicht noch eine letzte Frage: Auf welches persönliches DIY-Projekt seid ihr besonders stolz?

Jenny: Ich bin froh darüber, dass wir unsere Hobbies und bisher erlernten Fähigkeiten in die Produktentwicklung einbringen können. Da ich gelernte Mediengestalterin bin und dazu auch das Bekleben von Autos und Schaufenster, sowie Textildruck gehörten, bin ich stolz, „coole“ Designs für Wandaufkleber und Textilen (momentan Jute- und Turnbeutel) zu entwickeln und eigenständig umzusetzen. Da tobe ich mich sehr gern aus.

Silvia: Außerdem sind wir sehr stolz auf unsere Stick-Sets. Tatsächlich war es eigentlich mein privater Wunsch, das Sticken zu lernen. Sticken ist super meditativ, man braucht beide Hände (das Handy bleibt also unangetastet) und man kann nebenbei entspannt einen Film gucken. Weil ich dann so Feuer und Flamme war, habe ich ein Stick-Set als mo-Box entwickelt. Das wiederum kam so gut an, dass ich mehr Designs erstellt habe. Außerdem haben wir viel Zeit in die Anleitung gesteckt, so dass wirklich jeder mit einer mo-Box sticken lernen kann. Dass daraus unsere beliebtesten Produkte entstanden sind, macht uns wirklich stolz.

***

Ich danke Jenny und Silvia für den Einblick in ihr Unternehmen und dieses schöne Interview, aus dem ich nicht nur viele Impulse für meine eigene Selbstständigkeit mitgenommen habe, sondern natürlich auch unglaublich viele Inspirationen für zukünftige DIYs und vor allem Geschenkideen für – oh Gott ja, in nicht mal 6 Wochen ist schon wieder Weihnachten.

Wenn ihr euch auch von der Kreativität von Jenny und Silvia anstecken lassen wollt, besucht sie gern bei einem ihrer Workshops in Kyritz, auf ihrer Webseite www.muckout.de und holt euch regelmäßige Inspirationsschübe über Facebook, Instagram und neuerdings auch auf YouTube.

Kommentar abgeben