40 Festivals in 40 Wochen und 20 Ländern. Wenn ich nicht jeden Morgen noch die Festivalbänder um mein Handgelenk sehen und mittlerweile auch riechen könnte, würde ich das selbst nicht glauben. Es sind jetzt ein paar Monate vergangen und ich fühle mich bereit ein Fazit zu ziehen. Gibt es einen Festival Boom? Was macht die Faszination Festival aus? Wie feierte man in der 68er Jahren und wie im Web2.0 Zeitalter?

Festival-Boom An die 2,2 Millionen Menschen habe ich dieses Jahr gesehen, wenn ich alle Besucher meiner Festivalauswahl zusammenzähle. Die Mehrheit dieser Menschen besucht Musikfestivals im großen Stil, meist drei bis vier Tage, und verzichtet bewusst auf die täglichen Annehmlichkeiten. Sie schläft in muffigen Zelten, legt keinen Wert auf fließendes Wasser im Umkreis von 20 Metern und geht zur Defäkation in einen bestialisch stinkenden Chemiekasten. Früher, zu Woodstock Zeiten, da ging man noch auf Festivals, um zu protestieren gegen Krieg, Ungerechtigkeit, die Elterngeneration und alles, was gerade so angefallen ist. Heute geht man auf ein Festival, weil man das Erlebnis will. Nicht nur die Musik, sondern auch das Drumherum an sich – sonst könnte man auch einfach warten, bis die Lieblingsbands in die örtliche Stadthalle kommen. Der einzige Protest ist der, dass man den Gegnern von Facebook und Co. zeigt, dass man im Web 2.0-Zeitalter nicht zu Hause vereinsamt, sondern immer noch rausgeht und den persönlichen Kontakt schätzt. Die Festivalgänger frieren, schwitzen, sind verkatert, finden sich teilweise selbst peinlich, aber sind glücklich dabei. Manche würden gerne für immer in diesem entschleunigten Paralleluniversum bleiben, doch das Leben kann keine Dauerparty sein. Das habe ich selbst gemerkt.

Wenn man die Party zu einem Dauerzustand macht, fühlt sich das Feiern nicht mehr wie feiern an. Wenn man wie ich 40 Festivals in 40 Wochen besucht, kann man jedes Wochenende zum geilsten des Jahres machen. Weil das rein körperlich nicht möglich ist und auch mental nicht verkraftbar, jedes Wochenende die Megasau rauszulassen, saß ich manchmal einfach nur da und habe beobachtet. Das ist auch eine Art Luxus – Feierluxus –, dass ich feiern konnte, wenn ich Lust hatte, und nicht, weil ich für dieses eine Wochenende ein Ticket für 140 Euro gekauft habe und alles mitnehmen muss, was geht. Um wirklich feiern zu können, muss man definitiv das Notizbuch und die Kamera weglegen und das Gehirn ausschalten. Oder wenigstens teilweise das Vernunftzentrum. Am besten lässt man sich dazu animieren, sich so wenig wie möglich zu benehmen. Nichts muss funktionieren außer Spaß. Denn darum geht es. Sein wie man sein möchte, sagen, was man denkt, anziehen, was einem gefällt, hören, auf was man Lust hat, und tun, was man fühlt. Feiern ist fühlen. Sich selbst fühlen. Den Job loslassen, die Verantwortung abgeben und sich nur noch um Grillfleisch und kühles Bier kümmern, bewusst die Kontrolle verlieren und sich treiben lassen. Aber nicht alleine. Es ist auch eine Flucht von der zunehmenden Individualisierung. Man möchte beim Festival, genauso wie beim Fußball, die Gemeinschaft. Man möchte die Masse spüren, sei es die Hände im Rücken beim Crowdsurfen oder die Köpfe und Haare beim Headbangen. Es wird eine Art Gemeinschaft auf Zeit gegründet, in der man minimale Verantwortung, aber maximalen Spaß hat. Am liebsten mit Gleichgesinnten, mit denen man geile Erlebnisse hat, die man wiederum teilt. Ein Erbe der Hippies. Man teilt nicht mehr unbedingt die Sexualpartner und das Hab und Gut, man teilt die Erlebnisse – auch mit den Zuhausegebliebenen. Das ist ein Drang, dem wir digitalen Kinder nur schwer widerstehen können: unsere sozialen Kanäle pflegen mit Fotos vom Sauflager oder Videos von der Band. Denn damit feiert man sich auch ein Stück selbst. Es ist einiges von den Anfängen des Festivalkults in den 60er Jahren übrig geblieben und es gibt viel, was das Web 2.0-Zeitalter beigesteuert hat. Die Hände gehen vor der Bühne immer noch in die Höhe, nur haben sie keine Henna-Tattoos und formen sie seltener ein Peace-Zeichen, sondern bedienen den Auslöser einer Kamera oder eines Smartphones. Die Bilder werden getweetet und geposted, was auch der Grund für den extremen Festival Boom der letzten Jahre ist – die Verbreitung in den digitalen Medien. Wenn ich geile Fotos sehe, so wie dieses Jahr vom Burning Man Festival mitten in der Wüste mit den abgefahrendsten Installationen und verkleideten Menschen, möchte ich da auch sofort hin oder nehme es mir zumindest für das kommende Jahr vor. Denn was ist glaubwürdiger und authentischer als Berichte von Besuchern, die mittendrin waren? Und ich finde das nicht schlecht. Zwar verstehe ich nicht, warum man 30 Minuten eines Livekonzerts mit dem Handy in der Höhe aufzeichnet, weil man davon doch sicher einen tauben Arm bekommt, aber ich verstehe, dass man Momente festhält und die auch teilt. Das ist interessant und das ist neu. Die digitale Welt vereint mit dem Woodstook-Spirit. Love, Peace and Rock’n’Roll gibt es seit über 40 Jahren, Blümchenkleider und gehäkelte Umhängetaschen holt die Kleiderindustrie jedes Jahr wieder in ihre Festivalkollektion des Sommers. Das Festival an sich fungiert immer besser als eine eigene Marke, die versucht durch ein bestimmtes Musikgenre auch ein Image aufzubauen. Das hilft beim Feiern, weil man weiß, wo man welches Musikgenre bekommt, wie die Leute drauf sind, und man nicht einer unter vielen, sondern einer unter gleichen ist. So ist das Musikschutzgebiet wie ein großes Familienfest auf dem Bauernhof, beim Appletree Garden hört man die coolen Indiebands unterm Apfelbaum, das Melt! ist für modebewusste Großstädter, auf Wacken gehen die harten Metaljungs mit Bandshirts, Berlin Festival ist für Campingverweigerer und Burg Herzberg für die Urgesteine der Hippies. Allein das ganze Hygieneimage hat sich geändert – keine ungepflegten Penner in ollen Klamotten, die ranzig und eklig aussehen, sondern Typen, die darauf Wert legen, was sie anziehen, und Mädels, die sich jeden Morgen schminken und ihr Glätteisen mitbringen. Anspruch statt Abfuck. Festivals nehmen viele auch als Anlass, um sich anders zu kleiden und Klamotten anzuziehen, die ihnen gefallen, die aber nicht in den Alltag passen. Festivals sind mittlerweile eine richtige Trendfundgrube geworden und Besucher gehen für diesen Anlass vorher shoppen oder stöbern einmal in der Faschingskiste.

Fortsetzung zum 2.Teil „Faszination Festival“

16 Kommentare

  1. DIE RECHNUNG FÜR DIESES ANGEBLICH SINNFINDENDE, ABER LETZTENDLICH IN PLANLOSER DUMMHEIT GIPFELNDE TRENDVERHALTEN MUSS JEDER IRGENDWANN EINMAL BEZAHLEN UND SEI ES VIELE, VIELE JAHRE SPÄTER: DER PREIS IST HOCH- DIE ERKENNTNIS TRIVIAL: WIE KONNTE ICH DIE MIR NUR GESCHENKTE,KOSTBARE ZEIT EINFACH SO GEDANKENLOS WEGSCHMEIßEN ! WIE KONNTE ICH NUR ?

    1. Warum denken die Menschen immer sie könnten über Fremde bestimmen? Warum solltest du mir sagen können was sinnfrei und dumm war in MEINEM Leben?

  2. Sehr schöner Artikel wie ich finde. Habe auch dein Buch „40 Festivals in 40 Wochen “ gekauft und sofort durchgelesen. Kann nur sagen ein absolutes muss für alle Festivalisten dadraußen oder die, die es noch werden wollen ;)

    Freu mich schon auf die Fortsetzung des Artikels !

  3. Quatsch mit Sauce. Manche rennen ihrem Traum ein ganzes Leben hinterher und trauen sich doch nie, ihn zu leben. Andere leben! und genießen! das Leben. Wenn ich an all die „schlimmen Sachen“ denke, die wir in der Jugend angestellt haben. Ich bereue die Sachen, die ich damals nicht ausprobiert habe, aber nichts, was mir Spaß gemacht hat!

  4. Hallo, ich finde das auch alles dumm. Du bist voreingenommen und pedantisch in Deinen Wertungen. Manche gehen aus liebe auf Festivals. Du schreibst:“Nur an der Krimm habe ich eine Nacht durchgemacht.“

    Alles klar, verkommerzialisiertes Pantoffel-Heldentum. Wer heute noch Worte wie „Web 2.0“ benutzt, lebt einfach nicht mehr in der Gegenwart.

    Bleib auch weg aus Berlin, Du gehörst auch nicht ins Berghain…. sondern nach „Schwablingen“ oder wie das heisst …

  5. Ich glaube nicht, dass dir der Herr mit der klemmenden Großschreibtaste etwas vorschreiben wollte. Er sagte nur seine Meinung und prophezeite eine späte Erkenntnis, die so kommen kann oder nicht. Wenn dir das mit dem „Meinung sagen“ nicht passt oder du hier nur positive Rückmeldungen lesen willst, solltest du vielleicht eher hier die Kommentare deaktivieren.

    Ich finde die Aktion mit den 40 Festivals auch hohl – aber hey, wenn’s dir Spaß macht, dann bitte gern! Und man scheint ja 2013 mit Bloggen, dem Besuch von Festivals und dem anschließenden darüber schreiben auch (oder zumindest anteilig) über die Runden zu kommen – herzlichen Glückwunsch… Ich frage mich zwar auch, welchen Sinn man darin für sein Leben sieht – aber du scheinst einen darin zu sehen, und damit ist ja alles supderduper-gut.

  6. Ach, Heinz Böhm. lerne doch einfach mal das Leben zu genießen. Überlasse doch deinen Mitmenschen, wie sie ihre Freizeit gestalten und aus was sie positive Energie ziehen. Was dem einen was bringt, ist für den anderen Zeitverschwendung. Was du schön findest, gefällt mir nicht und umgekehrt. Was soll’s ?! Ach ja, in Frankfurt ist gerade ein Würstchen geplatzt …

  7. Ach du liebe, gute Dixi,

    was weißt du denn schon von positiver Energie ?
    Und wenn, dann weißt du ja sicherlich,wie man sie zieht.
    Hoffentlich behälst du auch dein Gleichgewicht dabei.
    Die furchtlos, unerschrockene Christine wird die Ziehung absegnen.

    Die allerherzlichsten Grüße
    h.b.

  8. heinz böhm, in deinem post bist du sehr wertend, in deiner argumentation bleibst du aber an der oberfläche. das buch hat doch gar keinen „sinnfindenden“ anspruch – dafür gibt es keine anleitung, nirgends! jeder hat die pflicht und das recht, aus sich das beste zu machen. manchmal braucht es eine weile, bis man weiß, wie man das bewerkstelligen kann und dann kann ein festival und die begegnung mit interessanten menschen genauso erleuchtend sein wie ein ikebana-kurs in der vhs. es kommt nicht darauf an, WAS man macht, sondern WIE man es macht. wie kannst du festlegen, was sinnvoll ist und keine zeitverschwendung? du begibst dich auf allgemeinplätze – „planlose dummheit“ sagt wenig aus und könnte alles mögliche meinen und von „trendverhalten“ zu reden, ist schlichtweg falsch – es gibt schon jahrzehntelang festivals, wahrscheinlich schon seit der steinzeit, wenn die einzelnen gruppen sich getroffen haben. es ist doch auch so, dass dieses buch eine zielgruppe anspricht – wer mit festivals nichts am hut hat, braucht es doch nicht zu kaufen. ich gehe jedoch auch gerne auf festivals und finde es interessant, das geschriebene mit meinen eigenen erfahrungen zu vergleichen. genauso wie ein hobbygärtner sich für einschlägige literatur interessiert. das würdest du doch auch nicht so kommentieren, oder?

  9. Für mich gehört die Zeit die ich auf Festivals verbracht habe, mit zu der schönsten Zeit in meinem Leben. Und die Momente in denen ich mit Freunden gemeinsam total abgerockt bin gehören zu den glücklichsten Momenten in meinem Leben, diese Momente werde ich niemals als „verschenkte Zeit“ einstufen. Das mag bei jedem anders sein, bei mir ist es so, und mir spricht Christine aus der Seele.

    Danke Christine, hab Deinen Bericht sehr genossen! rock’n’roll!

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